Häufig scheinen sich Songwriter*innen zwischen intimer Reduziertheit und epischen Breiten entscheiden zu müssen. Der norwegische Indie-Musiker Beharie verbindet beide Pole miteinander und oszilliert dazwischen in emotionalen Zwischentönen. Auch das zweite Album „When The Silence Gets Too Loud“ wird dabei zum beeindruckenden Sound-Spektakel.
Der Opener „Anytime“ leitet da noch auf trügerische Fährten, denn hier wird recht klassische Folk-Kost geboten. Dazu singt Christian Roger Beharie mit seiner samtenen, soul-geprägten Stimme butterweiche Melodien, man kann sich schon gemütlich einrichten.
Bei „Everybody Tells Me To Let Go“ wird dieser Referenzrahmen langsam aufgesprengt, im Hintergrund driften Streicher in die Leere, der Beat ist jazziger Soul-Pop, die Gitarre an Cumbia angelehnt. Beharie bleibt stimmlich auf einer Ebene, aber berührt gerade mit dieser sanften Antwort auf Erwartungshaltungen von außen.
Mit dem zwei geteilten Song „Coyote“ bricht das Album dann endgültig aus dem Kokon, immer mehr Instrumente kommen auf die Bühne, bis das Finale mit großen Chören und Gitarren vor Störgeräuschen ausbricht. Dass das plötzlich nach Biffy-Clyro-Konzert klingt, stand vor wenigen Minuten noch nicht auf der Bingo-Karte.
Beharie zeigt im Laufe dieser Platte noch mehr, welche Klangkunst in seinen Texturen steckt. Egal, ob die Instrumente oder die Stimme(n) die dominierende Klangschicht mimen, die Sounds, die hier aufeinander prallen, bringen immer neue Assoziationsmuster zusammen.
„You Can’t Escape The Morning Dew“ lässt dafür mitten im Song eine wehmütige Bläserfigur einsam durch die Steppe flirren, „Adore“ bringt Indie-Rock-Schlagzeug und Folk-Chorale auf die Tanzfläche und der Closer „I Never Seem To Get It Right“ wird gemeinsam mit anderen Stimmen gesungen.
Für Indie- und Folk-Fans ist „When The Silence Gets Too Loud“ die perfekte Antwort auf die Frage, ob die Genres 2025 überhaupt noch etwas zu bieten haben. In seiner Lebendigkeit, Ausdruckskraft und gleichzeitig auch sehr intimen Oberfläche hat das Album einen überzeugenden Faktor.
Und Beharie sollte als Sound-Connaisseur gehypet werden.

