Mit Ice Nine Kills gab es gestern im Leipziger Haus Auensee Horror-Metalcore als Grand Guignol zu sehen (falls sich noch jemand an das ehemalige Pariser Theater erinnert, das für seine expliziten Schock- und Horrorshows bekannt war).
Wer gestern das Auensee betrat, ahnte bereits: Hier würde kein gewöhnliches Konzert stattfinden. Und tatsächlich wartete ein theatralisches Blutbad, eine Hochzeit zwischen Slasher-Film und schwerem Riff, kuratiert von fünf Herren in weißen Hemden und schwarzen Hosen mit Hosenträgern, die aussahen wie Kellner auf einem Maskenball der Verdammten.
Ice Nine Kills haben sich auf die Fahnen geschrieben, Horror-Ästhetik nicht nur zu zitieren, sondern sie körperlich werden zu lassen. Was die US-amerikanische Band um Spencer Charnas in dem ausverkauften Saal zelebrierte, war immersives Theater – mit Duschvorhängen, Kunstblut und einer laufenden Sonne mit Sonnenbrille.
Man fragte sich unwillkürlich: Ist das noch Metal oder schon Performance-Kunst? Die Antwort lautet: beides, und genau darin lag der morbide Charme.
Die Show begann spät um 21:20 Uhr mit Nick Caves düsterem „Red Right Hand“ vom Band, nachdem die drei Support-Acts TX2, Creeper und The Devil Wears Prada das Publikum bereits in die richtige Stimmung versetzt hatten.
Dann ging es los mit „Meat & Greet“, und fortan ließen Ice Nine Kills keine Sekunde Langeweile aufkommen. Jeder Song wurde durch Videoclips eingeleitet, die an alte VHS-Horror-Streifen erinnerten.
Zwischen Riffs und Breakdowns gab es kaum Pausen, geschweige denn Konzertgeplauder. Ice Nine Kills regierten mit ästhetischer Disziplin eine sorgfältig choreografierte Horror-Revue.
Während „Stabbing In The Dark“ inszenierte Frontmann Charnas einen theatralischen Mord, komplett mit blutigem Messer und einer blonden Gestalt, der auf der Bühne die Kehle aufgeschlitzt wurde. Das Publikum goutierte den Moment mit begeistertem Gebrüll.
Bei „The Shower Scene“ duschte tatsächlich jemand hinter einem Vorhang – Hitchcock hätte vermutlich anerkennend genickt, mit leichter Irritation über die begleitenden Double-Bass-Drums.
Der Höhepunkt des Wahnwitzes: Ice Nine Kills coverten Katrina And The Waves‘ Sommer-Pop-Hymne „Walking On Sunshine“ – selbstverständlich im brutalen Metal-Gewand und begleitet von einem überdimensionalen, tanzenden Sonnen-Maskottchen. Man muss die Bostoner einfach dafür lieben, dass sie es schaffen, zwischen existenzieller Dunkelheit und skurrilem Humor zu balancieren, ohne je ins Lächerliche abzurutschen.
Die Clown-Figur „Es“ aus Stephen Kings gleichnamigem Roman (und Film) tanzte passend während „IT Is The End“ – dem zweiten Song der Zugabe – mit roten Ballons durch die Menge, während die Band musikalisch zeigte, was sie am besten kann: eingängige Melodien mit vernichtender Härte verschmelzen.
Zum Finale kehrte die Sängerin von der Vorband Creeper für „A Work Of Art“ zurück – ein versöhnlicher Abschluss für einen Abend, der bewiesen hat: Horror und Musik sind Geschwister im Geiste – mit einem Theaterregisseur als Vater.

