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Otto Von Bismarck – Hauptstadt der Schmerzen

„Der Ausnahmezustand ist permanent.“ Mit dieser an das Werk des italienischen Philosophen Giorgio Agamben anschließenden Diagnose eröffnet Otto von Bismarck sein neues Album „Hauptstadt der Schmerzen.“

Doch anders, als es der Künstlername vermuten lässt, geht es dem 1959 als Ottmar Seum geborenen Songschreiber nicht ums Politische. Kriege und Krisen sind bloß die mitzudenkenden Hintergrundfolien der auf dem neuen Werk erzählten Geschichten.

Mit „Hauptstadt der Schmerzen“ verfolgt der Wahlberliner dabei den schon vor vier Jahren auf seinem Solo-Debütalbum „Zu viele Erinnerungen“ erprobten Ansatz. Er agiert als eine Art städtischer Reporter, der uns mitnimmt in eine andere Welt.

Dass diese Welt auf der Kippe steht und der fortdauernde Ausnahmezustand für viele in Vereinzelung und Elend mündet, zieht sich durch die zentralen Stücke der Platte. Angst davor, die Abgründe zu benennen? Bei Otto von Bismarck Fehlanzeige.

Spannend ist dabei vor allem, dass der Künstler die immer wieder plastisch geschilderte Gewaltlatenz fortwährend mit liebevollen, kitsch-freien Szenen von Zärtlichkeit kontrastiert.

Meisterhaft gelingt dies auf dem titelgebenden Kernstück „Hauptstadt der Schmerzen“, das sich über acht Minuten entfalten darf. Mit Liebe zum Detail wird hier der Berliner Untergrund mit seinem Ensemble nachtschwärmender Figuren ausgeleuchtet. Von Bismarck wandelt dabei leichtfüßig auf den Spuren Alfred Döblins.

Das für das Album äußerst produktive Wechselspiel aus Liebe und Gewalt spiegelt sich auch auf stimmlicher Ebene. Neben sprechend vorgetragenen Stücken hören wir – ab und zu durch die Stimme Anna Erhards ergänzt – auch immer wieder Gesangspassagen.

So folgt zum Beispiel auf das von einem Bass getriebene, pointierte Rap-Stück „Alles ist billig“, die anrührende Ballade „Nicht hier und nicht heute“. Letztere zeigt, dass auch Verweigerung eine Reaktion in Zeiten der Polykrise sein kann.

Für den soulig-funkigen Groove auf „Hauptstadt der Schmerzen“ sorgt Co-Produzent Daniel Nentwig. Dessen stilprägende Handschrift konnte man bereits in den späten Nullerjahren auf den Stücken von The Whitest Boy Alive bewundern.

Am Ende fügt sich alles zu einem Ganzen. Otto von Bismarck legt mit „Hauptstadt der Schmerzen“ einen lässig wummernden Liederzyklus vor, ein Berliner Mosaik über eine Zeit im permanenten Ausnahmezustand.

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