Vier Meter Hustensaft aus Düsseldorf haben diese Woche ihre neue EP „Dreckige Kohle“ veröffentlicht. Es ist ihre dritte EP und folgt auf „Kein Vergeben Kein Vergessen“ von 2024. 2021 ist ihr Debütalbum „Influenza“ erschienen.
Wenn Bands mitten im Aufstieg das Line-up wechseln, riecht’s meist nach Drama. Bei Vier Meter Hustensaft war’s eher ein kontrollierter Crash – und genau das macht die neue EP „Dreckige Kohle“ so spannend.
Sängerin Yvonne Wagner ist raus, Gitarrist Philipp Altenhofen übernahm das Mikro, später stieß Thiemo Schröder (Harte Worte) dazu, dessen Stimme vom Flair an Axel Kurth von WIZO erinnert. Doppelte Gitarre, doppelte Stimme, doppelte Energie – und trotzdem klingt das hier nicht nach Flickwerk, sondern nach Neuanfang mit Dreck unter den Nägeln.
Statt Parolen liefern Vier Meter Hustensaft Beobachtungen aus dem Alltag zwischen Büdchen, Schichtende und Kö-Protzerei. Es geht nicht um Nostalgie oder Malocher-Romantik, sondern ums Hier und Jetzt – um das Leben, wie es eben ist, wenn der Kontostand früher Feierabend macht als du selbst.
Schröder singt, als hätte er die halbe Stadt im Hals, und Altenhofen legt Gitarrenriffs drunter, die sich wie rostige Nägel in den Asphalt graben und in seinen Solos zeigen, dass er mehr drauf hat als Drei-Akkord-Geschrammel. Kein Pose-Punk, kein “Wir sind so echt”-Theater – einfach ehrliche Wucht mit Haltung.
Musikalisch bleibt alles da, wo’s hingehört: treibendes Schlagzeug von Dirk „The Lobster“ Löber, fetter Bass (zwei sogar, weil Umbesetzung mitten in der Produktion) und Gitarren, die nicht nur Krach machen, sondern Songs bauen. Punk, ja – aber mit kleinen Luxusmomenten: Soli, die nicht nach Gitarrenheldentum klingen, sondern nach Druckausgleich.
Der Titeltrack „Dreckige Kohle“ gibt sofort die Richtung vor: Punkrock aus dem Westen, roh, laut und ohne Kunstlicht.
„Was Ich Dringend Brauche“ ist das Herzstück der EP – eine sarkastische Hymne auf das Bedürfnis, einfach mal abzuschalten, egal womit. Der Song ist weder Suffverherrlichung noch Moralpredigt, sondern der vertonte Stoßseufzer eines Typen, der einfach kurz nicht mehr funktionieren will. Altenhofen singt das mit einer genervten Ehrlichkeit, die perfekt zum Thema passt. Live, aufgenommen in der Wuppertaler „Börse“, knallt das Ganze noch mal härter: weniger sauber, mehr Schweiß, mehr Wahrheit.
Der dritte Studiotrack, „Der Allergrößte“, schießt gegen das Ego-Zeitalter: die Sorte Mensch, die sich selbst für genial hält, aber nicht merkt, dass sie leerläuft. Klassisches Punkthema, hier allerdings mit erstaunlich viel Biss umgesetzt – kein Fingerzeig von oben, sondern eine Ansage aus der Mitte: Halt die Klappe, sonst gibt’s Feedback.
„Dreckige Kohle“ ist kein glattgezogenes Comeback, sondern ein Zwischenbericht aus der Reha. Die Band war im Wandel, und man hört’s – im besten Sinne. Zwei Bassisten auf einer EP, Mikro-Pannen in der Live-Version, wechselnde Stimmen – alles Teil des Dokuments. Punk lebt schließlich nicht von Perfektion, sondern davon, dass es echt bleibt. Und echt ist das hier durch und durch.
Produziert wurde die EP ohne Studio-Lack, dafür mit Dampf. Die Songs klingen nach Proberaum, nach Bierflaschen auf Verstärkern, nach ehrlicher Handarbeit. Der Mix ist rau, aber differenziert – das Schlagzeug schiebt, die Gitarren brennen, der Bass klebt am Beton. Kein Versuch, modern zu sein, kein Autotune, keine Spuren-Orgie. Einfach Punk, wie er 2026 klingen darf: ein bisschen kaputt, aber lebendig.
Auch optisch liefert die Band: Das Artwork stammt aus einer Idee der Musiker, umgesetzt von NRT-Records-Chef Philipp Gottfried und Geo Hilse – irgendwo zwischen Indie-Ästhetik und Punk-Schmutz, inklusive Bonusmaterial auf Bandcamp: digitales Booklet, Wallpaper, Livevideo. Wer mehr als ’nen Euro investiert, kriegt hier Szene statt Streaming-Konserve.
Vier Meter Hustensaft klingen auf „Dreckige Kohle“ härter, kantiger und ehrlicher als zuvor. Der Wechsel am Mikro war kein Risiko, sondern Notwendigkeit. Altenhofen und Schröder ergänzen sich perfekt – Straßenstimme trifft Melodie, Rotz trifft Struktur. Das Ergebnis: Punkrock mit Substanz, ohne Attitüde, aber mit Haltung.
https://www.instagram.com/_viermeterhustensaft_/
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