Altın Gün ausgesprochen ‚Autin Gün‚, was auf Türkisch „Goldener Tag“ bedeutet, legen mit „Garip“ ihr sechstes Album vor. Die türkisch singende Retro-Band aus Amsterdam repräsentiert die Szene des so genannten Anatol-Rock. Dessen Hauptinstrumente sind (meistens) die Bağlama-Laute und die E-Orgel.
Dieses Mikro-Genre vermengt psychedelische Rockmusik voller Prägung durch die Sixties mit Pop, wie er in den 1960er und 70er Jahren in der Türkei in Mode war und via Kassetten aufs europäische Festland vordrang.
Der dritte Strang in der Musikmischung von Altın Gün fußt auf traditioneller Musik. Bei der in diesem Genre mittlerweile tonangebenden Band Derya Yıldırim & Grup Şimşek wurzeln diese Traditionen in der alevitischen Literatur.
Während Derya immer wieder auf Mahzuni Şerif referiert, steht ein anderer namhafter Schriftsteller und Singer/Songwriter bei Altın Gün Pate. Auf „Garip“ stammen die Songs von Neşet Ertaş. Ihn covert die Gruppe konsequent und überträgt einen kleinen Ausschnitt seines immensen Gesamtwerks in die Jetzt-Zeit.
Der neue interpretierte Künstler hatte in den Achtziger und Neunziger Jahren seine große Wirkungszeit. Er lebte zeitweise in Berlin und Köln, starb 2012. Viele andere Bands der Szene sind, so wie er es war, in Deutschland sesshaft. Altın Gün tourten hier schon in einem frühen Stadium ihrer 2016 lancierten Karriere, veröffentlichen aktuell auf dem hanseatischen Label Glitterbeat, einem Sublabel von Glitterhouse.
Auf den früheren Alben von Altın Gün hörte man als Sängerin Merve Daşdemir, die mittlerweile ausgestiegen ist. Für die verbliebene Fünfer-Crew stellte sich die schwierige Aufgabe, ohne sie weiter zu machen, doch sie heuerten keine neue Frontfrau und Keyboarderin an. Man beließ es bei den bisherigen Instrumentalisten. Erdinç Eçevit, der auch bisher einen Teil des Gesangs und des Tastenspiels übernommen hat, nimmt im Studio nun drei Aufgaben in allen Tracks wahr: Besagte Bağlama und Keyboards zu spielen und alles zu singen.
Wobei man anerkennen muss: Worte braucht es nicht immer – das rhythmisch und melodisch starke Stück „Benim Yarim“ zum Beispiel unterhält als Instrumental vollauf und lässt ekstatisch Knie weich werden und Füße wippen.
Eine allzu gute Idee war es jedoch nicht, Erdinçs Stimme zum Aushängeschild zu machen. Denn wäre Singen sein genuines Talent, würde er nun – ohne weiblichen Counterpart – nicht so standardisiert, verhältnismäßig langweilig klingen, wie das auf „Garip“ über die Albumlänge wirkt.
Trotz dieses fehlenden Wiedererkennungswertes (und des Verlusts der schillernd klingenden Merve), gibt es vier sehr positive Tendenzen und Merkmale des Albums: Dramaturgische Kniffe, Abwechslung, stilistische Weiterentwicklung und Hochwertigkeit des Songmaterials.
Durch die einheitliche Quelle beim Covern – alles aus Neşet Ertaş Hand – gerät die Platte trotz ihrer Bandbreite zwischen schroff und liebreizend doch zu einer runden Sache. Dabei biedert sie sich im Unterschied zum Vor-Vorgänger „Yol“ (2021) westlichen Disco-Hörgewohnheiten kein bisschen an und setzt mehr auf druckvolle, bassgetriebene Töne.
Vom zwischenzeitlich erschienenen „Aşk“ (2023) unterscheidet sich das neue „Garip“ dergestalt, dass ein dramaturgischer Bogen wie selbstverständlich alle Tracks zusammen hält und man als Hörer*in über keine Brüche hinsichtlich Stimmungen, Tempo, Machart oder Instrumentierung stolpert – bei „Aşk“ hatte mehr der Eindruck einer Kraut- und Rüben-Compilation überwogen.
War „Yol“, aus der Not der Pandemie geboren, durchs Hin- und Herschicken von Tonspuren zwischen den Bandmitgliedern entstanden und dadurch elektronischer und synthetischer geworden, fühlt sich „Garip“ organischer, härter und rockiger an. Es handelt sich um das kantigste Werk der Gruppe. Darin besteht ein Teil der positiven Fortentwicklung.
Ein weiterer Teil liegt in den durchweg schneller auf den Kern kommenden Stücke, die stringenter ihre Trance-Momente und verträumten Stimmungen erreichen und oft über eine intensivere Strahlkraft verfügen.
Und schließlich wirkt das Album filigraner und hochwertiger produziert als frühere Werke. Das merkt man zum Beispiel in ruhigeren Phasen, wie im soundtrack-artigen „Gel Yanıma Gel“, das stellenweise an ‚Blaxploitation‘-Filme der 1970er erinnert.
Gleichwohl „Garip“ auf Deutsch „seltsam“ heißt und das Album durchaus eigenwillig wirkt, hat es doch eine sehr starke Anziehungskraft und macht neugierig auf diese Klänge einer vergangenen Ära.

