Es ist unmöglich, Rocko Schamonis Portfolio in einer einzigen Veranstaltung abzubilden. Am gestrigen Freitagabend waren mit Lesung und Konzert die Thematiken übersichtlich, mit denen der Mann, der schon auf ziemlich allen Ebenen des Unterhaltungsbusiness unterwegs war, diesmal nicht im von ihm so geschätzten Conne Island, sondern im gut gefüllten Kupfersaal in der Leipziger Innenstadt auftrat.
Kaum betrat der smarte Hanseat die Bühne, wehte „Der Schwere Duft Von Anarchie“ – den 2002 eine ganze Platte verströmte – durch den Raum. Am Lesetisch Platz genommen, sorgte bereits die launige Begrüßung seines Publikums zum Bergfest eines dreitägigen Tourblocks für erste Lacher.
Diese würden die Veranstaltung bis zum Schluss so verlässlich begleiten, wie seine Suche nach Zahnärzte*innen vor Ort für die beim Abendessen verlustig gegangene Zahnfüllung und das nervige Geräusch umfallender Bierflaschen auf den Boden des Venue.
So kurzweilig, wie in Rocko Schamonis Schriften von der Intuition für das jeweilige Wirken im Laufe seines künstlerischen Werdegang nachzulesen ist, so authentisch vermittelte der ehemalige SH-Dorfpunk die jeweilige Gemengelage in der Live-Vorstellung, ob zum Einstieg mit Beiträgen aus seiner literarischen Kinderschuh-Abteilung oder folgend mit Auszügen aus kolumnistischen – O-Ton – „Machwerken“ und den späteren „Dummheit als Weg“- Beiträgen für das „Rentnermagazin“ Rolling Stone.
Dazwischen gab’s zum 40-jährigen King-Rocko-Jubiläum Anekdoten und politische Widmungen, dazu gepflegte Antipathie gegenüber dem Platzhirsch unter den Streaming-Diensten und der zunehmenden KI-Regentschaft in der Musikindustrie. Rocko Schamoni reflektierte dabei subtil die Selbstpositionierung in einer Welt, die nicht mehr die ist, die der Endfünfziger seit seiner Adoleszenz ironisch spiegelte.
Insofern klang „Du wählst CDU, darum mach ich Schluss“ im Konzertteil – in dem Der Bürgermeisterei der Nacht, Joachim Franz Büchner, und Tourmanager Christoph Gerken dem Protagonisten zur Seite standen – wie ein Luxusproblem aus längst vergangener Zeit.
Der Entertainer vor dem Herrn und seine kleine Kapelle lieferten eine vollwertige Show, spielten die Frühwerke „Liebe Kann Man Sich Nicht Kaufen“ und „Der Tiger in der Nacht“ – mit Rocko im stilechten Raubtier-Print-Shirt und Büchner mit einem Killer-Solo – sowie den Klassiker „Sex, Musik und Prügelei“, ließ der „Discoteer“ und Clubbetreiber via „Geld Ist Eine Droge“ und „Doctor Love“ die Spiegelkugel glitzern und flutete die melancholische Erhabenheit von „Der Mond“ den Raum bis in die letzte Ecke.
Mit dem Rat „Leben heißt Sterben Lernen“ im Ohr in die Nacht entlassen und dem Wochenende vor der Brust, ging der der ein oder andere vielleicht nicht nur mit einem Artikel aus der „Scheiße“-Kollektion vom Merch-Stand, sondern auch mit dem Vorsatz nach Hause, sich in den kommenden Tagen intensiv mit dem im eigenen Platten- oder Bücherregal befindlichen Lebenswerk des Rocko Schamoni zu beschäftigen.

