Der Himmel ist eine Vorstellung, die mit Belohnung zu tun hat. „Da kommt noch was“, kommentiert Nina Hagen anlässlich ihres mittlerweile zweiten Gospel-Albums. Schon 2010 wandelte sie mit „Personal Jesus“, letztes Jahr neu aufgelegt, auf kirchlichen Pfaden.
In der DDR wuchs Hagen ihre ersten 21 Lebensjahre in staatlich verordneter Distanz zur Kirche und zum Glauben auf. „HiGHWAY TO HEAVEN“ betont nun vor allem den Aspekt der menschlichen Endlichkeit: Unser irdisches Dasein ist befristet.
„Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod“, formuliert es Hagen. Nun hat sie sich keineswegs angemaßt, selbst religiöse Lieder zu verfassen, sondern covert Vorhandenes.
Nina überträgt ein Stück aus dem Englischen ins Deutsche, die anderen belässt sie in der amerikanischen Fassung. Sie betont in einem flankierenden Interview mit ihrer Plattenfirma sehr deutlich, Gospel sei der Ursprung von Rock’n’Roll.
Im Gegensatz zur gängigen Lesart, dass westafrikanische Musik in den Blues übergegangen sei und darauf dann die Rockmusik aufbaue, zieht sie eine direkte Linie von der afroamerikanischen Kirchentradition zu Elvis.
In diesem Setting ist jedenfalls ihre rauchige, nun auch gealterte und heiser gewordene, Stimme ein unfreiwilliges Statement, denn sowohl Gospel als auch Rock’n’Roll werden ja sonst eher aus voller Kehle intoniert.
Die ’staatlich geprüfte Schlagersängerin‘, wie sie in der DDR nach entsprechender Ausbildung tituliert wurde, musste eine strenge Auswahl treffen. Sie hatte noch viel mehr aus dem Repertoire von Mahalia Jackson, Rosetta Tharpe und weiteren Größen verblasster Zeiten aufgenommen, aber nur einen Teil hier auf das Album packen dürfen. Eine Fortsetzung oder Bonus-Tracks-Edition behält sie sich vor.
Einstweilen kann man festhalten, dass „HiGHWAY TO HEAVEN“ recht gewöhnungsbedürftig wirkt. Je weniger Instrumente vorkommen und je purer Ninas Ausdruckskraft im Zentrum steht, desto besser geht das Konzept auf.
Nina Hagen mit Orgel funktioniert super, wie „Let’s Be Happy“ beweist, und auch im ähnlich gestrickten „Hand It Over“ steckt der schwingende Rhythmus schnell an. In „Walk With Me Jesus“ gibt es nur eine tief gestimmte Gitarre und Hagens lebhafte Darbietung einschließlich eines tiefen Trillertons am Ende auf „alone“, „alo-ho-ho-o-one“.
Manche Stücke entgleisen hingegen entweder in Richtung Kitsch, wie ein Duett mit der 91-jährigen Nana Mouskouri oder eine Jesus- und Luther-Anbetung an der Hawaii-Gitarre.
Manche verunglücken in Richtung übers Knie gebrochener Rumpel-Töne, wie im dissonant vorgetragenen „Somebody Prayed For Me“. Nina nennt das einen „punkigen Gospel-Song“.
Noch mehr verstimmt hört sich der schrecklich abgemischte Track „Gospel Ship“ an. Stimmiger, wenngleich nicht überragend, geraten andere Verschmelzungen mit Funk, Trip-Hop und Dub.
So wird „HiGHWAY TO HEAVEN“ zum ambivalenten Versuch, all diese Melodien zuallerletzt nach Kirchgemäuern klingen zu lassen. Als Stimulus sind die Aufnahmen teilweise ganz reizvoll – allerdings lassen sie einen auch etwas ratlos zurück.

