Eine Fata Morgana ist ein spannendes Motiv der Film- und Comic-Kunst. Wie aber klingt so eine trügerische visuelle Erscheinung in der flirrenden Hitze der Wüste? Wahrscheinlich hört sie sich so an wie „Niut Shaes“, eines der bezauberndsten Stücke auf „Mercurial Silence“, dem neuen Soloalbum von David Eugene Edwards von Wovenhand.
Unwirklich muten dort insbesondere die instrumentalen Abschnitte mit einer seltenen Form von Akkord-Gleiten an, die weder harmonisch noch dissonant ist, aber eigenwillig, merkwürdig, geheimnisvoll. „Niut Shaes“ ist dabei übrigens kein Schreibfehler, sondern Teil einer Serie altertümlicher Liedtitel.
Waren auf dem Vorgänger „Hyacinth“ schon der Neologismus „Lionisis“ enthalten und der Opener biblisch „Seraph“ benannt, so dekliniert David Eugene solche Sprachspiele jetzt für die meisten Tracks durch. „Uraeus“ zum Beispiel fordert alle heraus, die kein ‚ä‘ kennen, das ja in den allermeisten Sprachen fehlt.
Der Track-Name „Doubting Zurvan“ reimt sich auf einen anderen, „Geush Urvan“. „Mithudrsa“ lässt an den Methusalem denken. „Flaxstaff“ macht als Liedtitel ähnlich viel her wie „Hexameter“, und auch Sprachklang ist ja irgendwie Musik. Schön,wenn David dabei nebenbei ein paar chemische Elemente durchnimmt, darunter Helium und das Titel gebende Quecksilber ‚Mercury‘.
Neben der Track-Liste hebt sich die Klangästhetik vom Zeitgeist ab, indem sie aufs Bardentum einstiger Jahrhunderte mit klar identifizierbaren, akustischen Saiteninstrumenten zu referieren scheint und das Rustikale sehr frontal im Kontrast zu heftig dröhnenden Synthesizern einsetzt.
Der Multiinstrumentalist Edwards, der bekanntlich auch Banjo und Mandoline beherrscht, setzt elektronisches Wabern und Brummen als Grundsubstanz der meisten neuen Stücke. Gelegentlich biegt er dabei in Richtung Trip-Hop ab.
Hört man „Flaxstaff“, wähnt man sich räumlich in dunklen, alten Kirchgemäuern, und damit bleibt sich der 58-jährige Edwards treu.
Weshalb der frühere 16-Horsepower-Mann jetzt wieder solo firmiert, anstatt in einer Band, kann man sich nur zusammen reimen. Der Tod von Wovenhand-Schlagzeuger Ordy Garrison dürfte mit hinein spielen.
Wie stets präsentiert David Eugene Edwards auch auf „Mercurial Silence“ wieder Kolosse als Lieder, die allerdings teilweise – trotz ihrer imposanten Sound-Fülle – kürzer sind, transparenter und ein bisschen zugänglicher wirken.
Was allen neuen Stücken gemeinsam ist: Sie rollen wieder eine spannende Katharsis aus Anspannung, Kulmination und reinigender Entladung aus.

