Alejandra Ghersi Rodríguez hält mit dem Experimental-Projekt Arca seit 2014 die Indie-Welt auf Trab. Mit wechselnden Genres, Identitäten, Inszenierungen und Themen gibt es wenige feste Bezugspunkte, aber doch einen typischen Arca-Sound. „XXXXX“ zeigt ein weiteres Mal, dass man in dieser technologisch-geprägten Musik schnell verloren gehen kann.
Vorab ein paar Auszüge dessen, was Arca mit der Album-Pentalogie (gestartet mit „KiCk i„, geendet mit „kiCK iiiii„) für einen unfassbaren Durchbruch gefeiert hat: 2023 stand das Projekt mit Beyoncé auf der Renaissance-Tour auf der Bühne, 2024 ging es mit Gästen wie Addison Rae zum Coachella, dazu wurden Co-Produktionen für Madonnas „Confessions II“ beigesteuert, im zugehörigen Film ist die Musikerin ebenfalls zu sehen.
All dem Pop-Appeal zum Trotz bleibt Arca ein schwer zu greifendes Phänomen und glitcht mit „XXXXX“ wieder Mal gekonnt durch alle Schubladen von leicht konsumierbarer Musik.
Eigentlich waren die Songs nur als Mixtape eingeplant, am Ende wurde es dann doch genug Material für das erste Arca-Album seit fünf Jahren. Dem Mixtape-Gedanken bleibt das Album allerdings treu:
Zwischen den filmischen, süßen Streichern von „Finisher“ und den von Störgeräuschen zerriebenem „Heart“ liegen im Sound einige Schichten. Mit ungewohnt wenigen Stimmen und Lyrics lässt das Album dabei Spielraum für Interpretation, Arca selbst sagt: „Emotional reicht die Spannweite des Albums von sehr zart bis erschütternd“.
Wer ein Herz für einen derart experimentellen Ansatz hat und auf Hooks, Melodien und Strukturen gerne verzichtet, kann sich in diesem Album schnell verlieren. Wer dem auserzählten, emotionslosen Pop einiger Gegenwarts-Acts nichts mehr abgewinnen kann, findet Innovation und mutige Ansätze. Aber es kann auch beides wahr sein: Arcas kompromisslosen Hang zur Disruption zu würdigen und gleichzeitig den Wunsch nach etwas mehr zum Festhalten hegen.
„Fxck“ ist als Club-Highlight dafür ein bemerkenswerter Moment, wenn er das Patriarchat durch die Tötung des Vaters und die Erhebung der archetypischen Mutter zum Sturz bringen will. Von solchen herausragenden Momenten hätte es gut und gerne fünfmal so viele geben können.
So klar wie hier kommuniziert die Platte aber nur selten. Den Kontrollverlust, den Arca im Albumprozess zuließ, kann man sich stattdessen nun in Album-Form selbst über den Kopf schütten und dabei von hypnotischen Computer-Geräuschen („Willow“) und Glitch-Frequenzen („No End“) umgarnt werden.
Man muss es wollen.
