Lotte ist auf der Flucht – zumindest am lyrischen Rand ihres vierten, selbstbetitelten Albums: Die Traumpolizei rückt an, um die Singer/Songwriterin und ihr „Baby“ wegen zu verrückter Träumereien abzuführen. Was nach einem Szenario aus einem Sci-Fi-Horror-Film klingt, ist hier nur eine von vielen Stationen eines Albums, dass sich den Fantastereien inniglich hingibt.
Dabei fängt die Platte gar nicht mal so vielversprechend an: Der Eröffnungstrack „Wenn Du Tanzen Willst“ klingt noch vergleichsweise stark nach Heavy-Rotation im seichten Indie-Pop-Radio, genauso wie auch die ersten Parts vom anschließenden „Teil Von Mir“.
Spätestens ab dem verhallt schimmernden Refrain wird die restliche Laufrichtung aber klar. Und die exerziert Lotte konsequent durch. Durch verhallte Gesangsflächen gibt es allerhand Geschichten über passionierte und vergebliche Liebe, Freiheit, Sehnsucht und das mild-erdrückende Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit in der Zeit.
Ein dumpfes Gefühl von Retro schwebt in Klängen und Worten mit, aber den Finger drauf zu legen bleibt immer schwierig. Die gebürtige Ravensburgerin trifft damit voll in die Schnittmenge aus Tagebucheintrag und lauter Tagträumerei; echte Gefühle kollidieren mit fantasierten Szenarien, Klischees mit frischer Wortgewandtheit, und immer wieder bekommt auch bewusste Unreife ihren eigenen Platz.
Wer sich vom Opener nicht hat abschrecken lassen, darf sich hier gerne das Herz zerreißen lassen. Vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein: Texte der großen Emotionen, sehr präzise getroffen, gesungen auf Musik der großen Emotionen, die gleichzeitig dick aufgetragen wirken und immer ein wenig unscharf bleiben kann.
„Lotte“ ist kein Album mit leichtem Abgang, das man endlos wiederhören kann. Die 12 Songs sacken mit einer wohligen Schwere ab, die sich ähnlich anfühlt wie nach einem zu großen Stück Torte. Und vielleicht ergeben die Songs auch erst so richtig Sinn, nachdem sie ein bisschen verdaut werden konnten.

