In der hispano-lateinamerikanischen Musiktradition hat das Zupfen von Gitarrensaiten ohne Gesang einen hohen und verbreiteten Stellenwert. Assoziiert man andalusischen Flamenco, ist uns das aus dem spanischsprachigen Kulturraum schon mitten in Europa vertraut. Was man dort mit Melancholie auflädt, spielen Hermanos Gutiérrez auf ihrem neuen Album „Los Ojos Del Cóndor“ jedoch nicht.
Eher verbreiten sie Heiterkeit, Zuversicht, Gemütlichkeit, Wohlbefinden und die Gewissheit, dass sich bestimmte Dinge einfach nie ändern, dass diese bei aller Globalisierung nie verschwinden und lokal so bleiben: ländlich, rustikal, mit alten Mitteln hergestellt und quasi nicht korrumpier- oder verwässerbar – Charango, Milonga, Cumbia, Salsa.
Die zugehörigen Herkunftsländer lauten in Spurenelementen Argentinien und Bolivien, mit einer Prise Kolumbien in seinen südlichen Bezirken, und in erster Linie Ecuador und Peru. Dabei ist manches auch für die beiden Musiker selbst noch exotisch, eher wie eine Reise und ein Entdecken der Vorfahren.
„Das ist ein Liebesbrief an Südamerika“, unterstreicht Alejandro, der eine der beiden hier aufspielenden Gutiérrez-Brüder. Zu Gitarren greifen sie beide. „Was wir mit diesem Album erreichen wollen, ist Neugier auf […] diesen Teil der Welt zu wecken“, meint Alejandro mit Blick auf die Anden.
Für Hörer*innen in Europa dürfte sich dabei so manches wie Surf anfühlen (wie beim eröffnenden „Canto Andino“) oder an Filmmusik erinnern, so wie man sie aus Western kennt.
Besonders dann, wenn sie mit einer Spur Klamauk aufgeladen sind, könnte einem das evozierte Gefühl vertraut vorkommen, das sich letztlich auch mit der Atmosphäre von Oliver Onions‘ Soundtracks zu Bud Spencer-/Terence Hill-Kassenschlagern verbindet, wie sie bis heute feiertags im Fernsehen rauf und runter laufen.
Wer beim Titel „Los Ojos Del Cóndor“ also bei den Augen des Kondor-Vogels, an die Panflöten-Melodie aus den Fußgängerzonen, „El Cóndor Pasa“, denkt, kann sich aber beruhigt sowohl die Panflöten als auch Schnulz und Schmalz wegdenken.
Hermanos Gutiérrez musizieren schlicht, frei von Penetranz, geben einen kleinen Anstoß zum Öffnen der Ohren für entlegene Klänge, aber verzichten dabei auf trantütige Traditionstreue.
Was es aber auch schon vor 20 Jahren in etlichen Metropolen, vor allem in Kolumbien gab, das Verschmelzen von Cumbia mit Electro-Dance und Hip-Hop, das halten Hermanos Gutiérrez aus ihrem klar aufs Gitarren-Doppel fokussierten Album heraus. Wenn sie überhaupt mal Aufmerksamkeit auf andere Zutaten lenken, dann am liebsten auf eine eiernde Orgel, wie in „Alma Mia“.
Der Anden-Ausflug dockt dieses Mal auch nicht an Psychedelic-Rock an, sondern klingt sehr luzide und geradlinig. Irgendwelche aufgesetzten Modernisierungen sparen die Brüder sich, und das überrascht beim Blick auf den Produzenten kaum: Dan Auerbach ist wieder in seinen Easy-Eye-Studios in Nashville zugange gewesen.
Beim mehrmaligen Hören büßt das Album seinen Reiseführer-Effekt doch ein wenig ein. Im Bereich Instrumentalmusik ist es aber ein sehr gutes Werk, weil es auf spielerisch hohem Niveau genügend Elastizität hat, um jenseits erwartbarer Klischees immer wieder Ausbuchtungen in den Melodie-Verläufen zu nehmen und Details bei der Instrumente-Anordnung zu wechseln. Es wird nie eintönig, deswegen stört das Fehlen von Gesang nicht.

