Website-Icon MusikBlog

Protomartyr – Hotel Usona

Protomartyr – Hotel Usona

Auf 16 Jahre Bandgeschichte und sieben Alben bringen es Protomartyr inzwischen. Ihr Sänger Joe Casey sieht mittlerweile aus wie ein Versicherungsvertreter, der sich in den falschen Backstage-Bereich verirrt hat. Das passt gut zu einem Album über Männer in schlecht sitzenden Anzügen, die durch die Winkel eines Landes taumeln, das sie nicht mehr wiedererkennen.

In „Hotel Usona“ steckt mehr Konzept als es der durchschnittliche Post-Punk so hergibt. Freilich waren Protomartyr noch nie Durch- und auch selten Querschnitt eines Genres, in dem sie doch stets die abgründigeren, weniger gut beleuchteten Ecken aufgesucht haben. Iggy Pop adelte sie genau deshalb einst mit den Worten „the best band we’ve got in America right now“.

Jeder Song ein Hotelzimmer, jedes Zimmer ein anderer unangenehmer Gast. Klingt nach Konzeptalbum-Betulichkeit, ist im Vollzug aber so konkret wie ein Kündigungsschreiben.

„The Old Hotel“ checkt die Gäste ein, „Checking Out“ schmeißt sie neun Songs später wieder raus. Dazwischen künstliche Intelligenz, Einwanderungsbehörden, Nationalismus in Uniform. Kurz: Das ganze Pfui einer erodierenden Weltmacht. Oder wie Casey es nennt: „the horrors of our current moment“.

Die Band collagiert diesen Horror zu einem Geräuschpegel in Moll und jazzigen Harmonien. Casey forderte von seinen Bandkollegen, “dass die Musik klingt wie Gottes Trompete auf einem Berg”. Aus dieser Ansage schälen sich dann Zeilen wie „misery isn’t emptiness – just an order to be filled“ heraus und haften an, wie Graffiti auf denkmalgeschützten Fassaden.

Produziert hat „Hotel Usona“ Dave Fridmann in den Tarbox Road Studios, wo sonst die Flaming Lips ihre Space-Echo-Exzesse abladen. Man hört es auch, wenn „Feed The Sewer“ im Hall steht, der eher nach „The Soft Bulletin“ klingt als nach Protomartyrs Heimatstadt Detroit.

Greg Ahee, mittlerweile so etwas wie der Klangarchitekt der Band, schmuggelt nahöstliche Skalen und Fifties-Exotica-Anleihen hinein.

Und Iggy Pop? Der darf als Verehrer der Band das Album ankündigen und nennt es „Wagnerianisch“ und denkt dabei an „Tristan und Isolde“. Das mag übertrieben sein, aber nicht gänzlich falsch: „Third Country“ baut sich über sechs Minuten tatsächlich zu mehr Oper als Punk auf, ohne die Nervosität der Band zu verlieren.

Und auch die USA, die hier mit dem altgedienten Ausdruck United States of North America, kurz „Unsona“ betitelt werden, sie kommen nicht nur schlecht weg, die Zeichen stehen vielmehr auf Tragödie.

Und als hätten Protomartyr es geahnt, wollen zeitgleich zur Veröffentlichung mit Kanada erste Nachbarn lieber EU Mitglied sein, bevor dieses alte Hotel in sich zusammenfällt.

Die mobile Version verlassen