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Reeperbahn Festival 2026

Künstlerfoto: Big Wett

Schon wieder scheint das Wetter dem Reeperbahn Festival nicht ganz so zugetan zu sein. Mittwoch, Europas größtes Clubfestival in den Startlöchern und der Vormittag ist sehr verregnet. Rechtzeitig klart es zum Glück auf.

Tickets abholen und erstmal aufs Heiligengeistfeld zum Festival Village. Tolle Sache, dass das alles frei und kostenlos zugänglich für alle ist und es kein Ticket braucht. Leider auch (eventuell deshalb) eine etwas spröde Angelegenheit. Viel freie Fläche und gefühlt nur noch Stände von Sponsoren. Eine polnische Biermarke scheint das Monopol an alkoholischen Getränken zu halten und sogar eine Supermarktkette ist mit zwei Containern vertreten. Einzig die traditionellen Plakat-Stände und ein paar unabhängige Food-Stände fallen ins Auge.

Zum Start Fruchtiger Beigeschmack auf der Acoustics Stage. Noch selten so viele Leute vor einer Bühne auf dem Village gesehen. Zurecht. Geht in die Beine, auch wenn die Blasinstrumente maximal reduziert sind. Schöner Jazz zum leichten Einstieg in das Wochenende. Texte weniger leicht, mit viel Haltung. „Holt den Löschzug raus! …“.

Danach ab ins Molotow, vertraute Dunkelheit mitten am Tag. Die Tageszeit verschwimmt. The Orchestra (For Now) erste Band in Club-Stimmung. Der gediegene Start hält nicht lange. Wechselweise fragil mit getragenem Piano und intensiv krachig mit dominantem Bass. Die sieben Bandmitglieder bringen mitreißend eine abwechslungsreich bunte Mischung von Kammermusik über Post-Punk hin zu eingestreutem Prog auf die Bühne.

Etwas später ein Stockwerk tiefer. 1000 Rabbits in der Top Ten Bar vom Molotow. Unprätentiös füllen die fünf die kleine Bühne komplett. Und kurz danach den Raum auch musikalisch. Zum Start gezupfte Geige, jazziger Gesang und ein Moog darunter. Einschmeichelnd bis krachig, intim bis rhythmisch komplex. Knisternde Funken in den Blicken untereinander. Jazz, Indie, Pop, Post-Punk und noch viel mehr in einen Topf geworfen und großartig inszeniert. Erstes Highlight.

Zum Kontrastprogramm in die Stage 15. Remote Bondage. Alles andere als unprätentiös. Bunt, aufmerksamkeitsheischend und extrem quirlig. Weniger Beat als auf den Aufnahmen, tut aber wenig Abbruch. Dreistimmiger Gesang mit Witz und Charme. Riot-Grrrl zeitgemäß inszeniert in Gen Z. Immer lustig unterhaltsam, nie meinungsfrei. „Unsere Meinung ist keine Meinung, sondern unser Leben“. Der Flinta-Moshpit klappt hervorragend. Am Ende bleibt das Gefühl, ein 30-minütiges TikTok-Video auf der Bühne gesehen zu haben.

Der Donnerstag startet im Baalsaal. Der Google-Eintrag „Dunkler Technoclub“ könnte nicht treffender sein. Trotz früher Stunde beschlägt die Brille schon beim Reinkommen. DIE LEUTE machen Indie, Post-Punk mit Attitude und Inhalt. Eigentlich schwere Kost, leichtgewichtig mit viel Authentizität transportiert. Auf der Bühne machen alle alles und haben viel Spaß dabei.

Nasty Joe nehmen sich deutlich ernster. Seriöser Post-Punk aus Bordeaux im Stage 15. Nerdiger Auftritt, die Musik im Vordergrund. Wenig neu, dafür ordentlich laut und gut tanzbar.

Danach dreht Nightbus den Stimmungsregler im Nochtspeicher musikalisch deutlich auf düster. Dunkel vibrierend weckt der Sound Erinnerungen an vergangene Zeiten, ohne verstaubt zu wirken. Getragene Teppiche geben sich mit dumpfem Druck die Hand. Darkwave-Pop in Adidas-Streifen ohne toupierte schwarze Haare.

Wiederkehrende Tradition nach Mitternacht im Angie’s Live Music Club. Gerade noch alles leer vor der Bühne, kurz danach angenehm voll. Gefühlt halten alle ein Glas Weißwein in der Hand. Lionstorm starten ihre Performance mit einem Ritual. Schwarzer Schleier, noisiger Sound, weiße Puppe und eine Maske. Kurz danach ohne Schleier, viel nackte Haut. Burlesque meets Ritual. Die beiden rappen über elektronische Sounds von Hip-Hop über Elektro-Punk bis hin zu Hardcore Techno. Großes Vergnügen. Mit etwas Moderation tanzen am Ende alle. Keines ihrer Worte ist ohne Bedeutung. Sie haben etwas zu sagen. Gender, Vielfalt und gesellschaftliche Normen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Gig. „We are not the norm! You are not the norm!“

Der Freitag beginnt dann wieder beschaulicher mit Della im 25 Club. Da sie einen MME Award gewonnen hat, erstmal mit Ansprache und Interview zum Start. Ihren Auftritt beginnt sie balladenartig, fädelt regelmäßig leichten Druck und Tanzbarkeit mit ein.

Sehr viel heftiger tanzbar danach Sex Mask in der Top Ten Bar. Vollgas ab dem ersten Takt. Rumpelt wuchtig mit angerapptem Gesang. Absoluter Downturner: „My Body, Her Choice“. So ein sexistisches T-Shirt hat auf der Welt nichts verloren und erst recht nicht auf dieser Bühne.

Flucht nach oben in den Club. Anderer Umgang mit Sexualität, Queerness und offensichtlichen Klischees. Big Wett, die „#1 Pussy in the Club“ hüpft, springt, tanzt mit unglaublicher Energie zwischen zwei Sexpuppen herum. Schwitzend im Bikini, ohne sich zum Objekt zu machen. Spätestens beim riesigen Umschnall-Dildo werden die Peaches-Anleihen offensichtlich. Super Party, super Entertainerin. 30 Minuten waren auch genau genug, bevor es angefangen hat, langweilig durch Wiederholung zu werden.

Auf dem Weg zur U-Bahn. Große Überraschung. TRÄNEN vor den Tanzenden Türmen. „Als ich gesagt hab einen Kick – Meinte ich nicht in den Bauch“. Auch ohne Ankündigung alle Anwesenden extrem textsicher. Mit leichten Tränen in den Augen danach wirklich zur U-Bahn.

Belako in der Nochtwache wie bekannt vom letzten Besuch. Zappelige Stimmung, rollende Wucht. Alternative-Indie mit punkigem Anstrich. Konsequent steigende Stimmung, da müssen alle mindestens mitzappeln, wenn nicht sogar tanzen.

Bei den Anchor Awards dann nochmal Big Wett sowie die mittlerweile in Berlin lebende Ukrainerin Ganna, Dov’è Liana (Italien/Frankreich), Just For Fun (Großbritannien/Slowenien), Nectar Woode aus UK sowie als Auftakt Sonic Interventions aus Berlin. Das Rennen macht verdient Ganna, die mit einer modernen Mischung aus traditioneller ukrainischer Folkmusik, experimentellem Gesang, zeitgenössischem Jazz und modernen Elektrobeats die Jury (bestehend aus Domiziana, Jerry Heil, Oklou und Sega Bodega) teilweise zu Tränen rührt.

Dann Blood Red Shoes mit einer Akustik-Performance in der überfüllten St. Pauli Kirche. Ein für die Band ungewöhnliches Setting, das ihnen sehr gut steht, viel Raum (auch physisch) für Laura-Mary Carters und auch Steven Ansells Stimme lässt und selten („In Time To Voices“) oder noch nie live gespielte Songs ermöglicht.

Zum Abschluss nochmal in die dampfigen Abgründe der Top Ten Bar. Die Luft und Enge haben was von Selbstkasteiung. Das sind Maria Iskariot aber allemal wert und alles ist sofort vergessen, nachdem die vier aus Belgien loslegen. Junger, erfrischender Punk vom Feinsten. Kracht genug, hat genug Komplexität. Durchdachte Strukturen, sauber gespielt. In den Arsch tretend, aber nicht dreckig. Unbändige Energie auf der Bühne und beim Crowdsurfing. Der Raum tobt, der Schweiß tropft von der Decke. Perfekter Abschluss für den dritten Abend.

Der Samstag startet mit Yung Pepp im Docks. Der 17-jährige Leipziger, der im Sommer noch für Kraftklub im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion vor 30.000 Fans eröffnet hatte, rappt zu Zukunftsangst und Sommer und lockt bei den zahlreichen Fans ein Schmunzeln hervor, als der Schüler seine nächste Tour für die kommenden ‚Herbstferien‘ ankündigt.

Im N-Joy Reeperbus auf dem Spielbudenplatz spielt das australische Duo Pamela. seinen schimmernden Alt-Pop von der Debüt-EP „It’s Nice To See You Here“, dessen „Better Than Before“ bereits einen veritablen Hit verbuchen kann.

Yasola aus Aachen bringt ins UWE gehauchte Vocals, authentische Verletzlichkeit und Dankbarkeit ans Publikum sowie ein Sounddesign, das ihren Pop-Appeal angenehm eigenwillig verbiegt und Befindlichkeits-Pop nicht wie ein Schimpfwort klingen lässt.

Im Gruenspan zeigt die quirlige Australierin Chelsea Knight alias Lucky, was man auf einer Support-Tour mit Garbage lernt: Alternative-Rock, der nicht um Erlaubnis fragt.

Lokalmatadorin Tilly Pantha verwandelt dann mit ihren drei Mitmusikern die Haspa-Filiale direkt an der Reeperbahn in einen Ort, an dem „Kaufe Nichts, Ficke Niemand“ nicht wie Anlageberatung klingt, sondern ihre feministische Haltung unterstreicht, die – animiert von ihr selbst, aber auch ihrem Bassisten – dynamisch aufs Publikum übertragen wird.

Plainhead aus München breiteten derweil im Imperial Theater ihren Indie-Slowcore aus Gitarre, Klarinette und Loops aus wie einen schweren Vorhang, wie er an den Seiten des Theaters herab hängt. Frontmann Chris gibt zu, dass sie sehr aufgeregt sind, was aufmunternden Beifall hervorruft und in ihrem schleppenden Duster-/Yo-La-Tengo-Sound auch nicht zu spüren ist.

Den Festivalabschluss bildet Anna von Hausswolff im Großen Saal der Elphi, der nur zu etwa zwei Dritteln gefüllt war. Die große schwere Orgel inmitten der Bühne, vor der Anna teilweise fast verschwand, schien das als Einladung zu verstehen, den Rest selbst auszufüllen. Die Schwedin spielt das Material aus ihrem Art-Rock-Epos „Iconoclasts“ so raumgreifend, wie er wohl in keinem anderen Klangraum so zur Geltung kommen würde, und schafft nicht nur bei den Zuschauer*innen, sondern – angesichts ihres begleitenden Ausdruckstanzes – auch bei ihr selbst ein kathartisches Erlebnis.

Wie jedes Jahr sehr erlebnisreiche Tage. Tolle Bandauswahl, immer wieder viele neue Eindrücke und überraschende Entdeckungen. An die Playlist auf Spotify und Amazon Music mit eigener Bühne müssen wir uns wohl scheinbar gewöhnen.

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