Zwischen Lo-Fi-Nebel und Jazz-Ausbruch, Standing On The Corner machen es ihrem Publikum auf „SOTC II“ nicht gerade leicht. Statt sich auf einen klaren Sound festzulegen, lässt die Band ihre Musik immer wieder die Richtung wechseln. Mal schwer und beinahe entrückt, dann verspielt, funky oder bewusst sperrig – dieses Album will weniger gefallen als irritieren.
Schon der Opener „Will It Ever Be the Same“ gibt dafür die passende Vorlage. Über sechs Minuten verstreichen, bevor der Song überhaupt daran denkt, sich vollständig zu öffnen. Leicht verwaschene Lo-Fi-Klänge und eine zurückgenommene Instrumentierung bestimmen den Auftakt.
Hier geht es nicht um den schnellen Einstieg oder den großen Moment, sondern um Atmosphäre. Standing On The Corner lassen ihre Musik langsam ins Bewusstsein sickern – und geben damit gleichzeitig den Takt für das vor, was noch folgt.
Denn „SOTC II“ ist vor allem ein Album der Gegensätze. Die einzelnen Stücke scheinen sich nur ungern auf eine gemeinsame musikalische Sprache festlegen zu lassen. Gerade die Instrumentals wirken teilweise schwer und beinahe undurchdringlich. Sie verlangen Geduld, bevor sich ihre Strukturen erschließen. Wer hier nach klaren Songmustern oder eingängigen Momenten sucht, dürfte entsprechend erst einmal auf Granit beißen.
Dann kommt „Roll Over Beethoven“ – und plötzlich wird es leichtfüßig. Jazzige Elemente treffen auf eine fast schon komödiantische Note und brechen mit der Schwere der vorherigen Stücke. Der Song wirkt wie ein kurzer Kontrollverlust innerhalb eines Albums, das sich ansonsten gerne in seinen eigenen Klangwelten verliert. Gerade deshalb sitzt dieser Bruch.
Mit „Doesn’t Mean A Thing“ ziehen Standing On The Corner wieder den Boden unter den Füßen weg. Ein skurriler Beat bildet das Fundament, schwer und eigenwillig, aber gleichzeitig überraschend beweglich. Statt sich in der zuvor etablierten Atmosphäre einzurichten, schiebt die Platte erneut in eine andere Richtung.
„How Deep Is The Sea“ geht anschließend sogar noch einen Schritt weiter und wird beinahe funky. Nach den ersten sechs Stücken fühlt sich der Song fast wie ein Fremdkörper an.
Diese ständigen Verschiebungen machen „SOTC II“ zu einer musikalischen Achterbahnfahrt. Lo-Fi trifft auf Jazz, Rock auf experimentelle Klangflächen, Schwere auf Leichtigkeit. Kaum scheint sich ein roter Faden herauszukristallisieren, schlägt die Platte schon wieder eine neue Richtung ein.
Manche dieser Wendungen faszinieren unmittelbar, andere bleiben zunächst sperrig. Standing On The Corner versuchen dabei gar nicht erst, ihre unterschiedlichen Einflüsse zu einem möglichst geschlossenen Sound zusammenzuschweißen. Die Brüche bleiben hörbar.
Das macht „SOTC II“ zu einem Album, das sich einer schnellen Bewertung entzieht. Hier gibt es keine eindeutige musikalische Handschrift, die sich nach wenigen Songs erschließt. Stattdessen entsteht der Reiz gerade aus der Unberechenbarkeit. Jeder vermeintliche rote Faden wird im nächsten Moment wieder zerschnitten.
Das kann anstrengend sein. Gerade die schwereren Instrumentals verlangen dem Hörenden einiges ab und nicht jede Wendung funktioniert auf Anhieb. Gleichzeitig verhindert genau diese Sperrigkeit, dass „SOTC II“ in Beliebigkeit abrutscht. Standing On The Corner geben sich nicht damit zufrieden, einen bestimmten Sound möglichst konsequent zu reproduzieren.
Wer sich auf diese musikalischen Umwege einlässt, bekommt deshalb ein Album mit Ecken und Kanten – und vor allem eines, das sich nicht beim ersten Durchlauf erledigt hat.

