Vier Jahre haben sich Sylvan Esso für „Ow ∞“ („Ow Infinity“ ausgesprochen) Zeit gelassen. Das längste Albumprojekt ihrer bisherigen Karriere hat sich offenbar gelohnt. Amelia Meath und Nick Sanborn bleiben ihrem elektronischen Pop zwar treu, öffnen die Tür diesmal aber weit für Indie, Garage-Rock, Punk und verträumte Melodien.
Der fünfte Longplayer des Duos aus North Carolina klingt manchmal chaotisch, mal verträumt, oft überraschend und vor allem deutlich persönlicher und experimenteller als ihre bisherigen Alben.
Schon der Titel gibt die Richtung vor: „Ow“ steht für Schmerz, das Unendlichkeitszeichen für etwas, das immer weitergeht. Genau zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Album. Es geht um Überforderung, Unsicherheit und schwierige Zeiten, aber genauso um Liebe, Freude und die Entscheidung, trotzdem weiterzumachen.
Auch klanglich setzt „Ow ∞“ auf mehr Unmittelbarkeit. Viele von Amelia Meaths Gesangsaufnahmen sind erste Takes geblieben. Ihre Stimme wirkt dadurch weniger bearbeitet, dafür authentischer, verletzlich und nahbar. Der Sound wirkt dadurch bewusst chaotisch und experimentell.
Besonders spannend wird es, wenn Sylvan Esso ihre elektronische Komfortzone verlassen. „Flood Season“ und „Sledge“ schlagen deutlich in Richtung Indie- und Garage-Rock und erinnern an HAIM oder Wolf Alice. Gleichzeitig haben die Songs etwas von den rockigen Pop-Sounds der frühen 2000er.
„Ribbon“, „Back Again“ und „Plastic Sword“ könnten dagegen fast von Regina Spektor stammen – und das ist definitiv als Kompliment gemeint.
Ruhiger wird es bei „Entertainment & Coca-Cola“ und „On & On“. Die beiden Songs erinnern stellenweise an Portugal. The Man oder Omar Apollo und zeigen die sanftere Seite des Albums.
Ein echtes Highlight ist außerdem „Concrete Glen“, das ein Sample aus Sigur Rós’ „Svefn-g-englar“ mit elektronischen Beats verbindet. Verträumt und groß, aber gleichzeitig intim.
Und dann kommt „Hot Slob“ um die Ecke und wirft den bisherigen Eindruck über Bord. Wild, direkt und mit deutlicher Punk-Energie zeigt der Song, wie wenig Sylvan Esso daran interessiert sind, sich auf einen Sound festzulegen.
Trotz aller Experimente besitzt „Ow ∞“ eine erstaunlich klare Atmosphäre. Sanfte Indie-Sounds, leichte Synthie-Beats und Meaths zarte Stimme könnten problemlos den Soundtrack eines Coming-of-Age-Films wie „Juno“ oder „500 Days of Summer“ liefern.

