Wenn in den Credits eines Albums ein Musiker mit dem Instrument „Objects“ aufgeführt wird, ahnt man: Das hier wird kein gewöhnliches Album. Und tatsächlich ist „Embrace“, das neue Album von WELTEN, ein Potpourri aus Klängen – verzerrt, elektronisch, psychedelisch, funky, verträumt, dissonant und organisch zugleich, mit kurzen Songs, langen Songs, sogar zwei Songs in einem.
Zum zehnjährigen Jubiläum vertont das Leipziger Quintett die Nacht selbst – als Zwischenraum zwischen Traum und Wachsein, Geborgenheit und leisem Unbehagen. Zehn Tracks lang hört man dieser Idee beim Atmen zu.
Los geht’s mit dem siebenminütigen Titeltrack: Ein Arpeggio tropft vor sich hin, ehe nach zweieinhalb Minuten ein träger Beat dazustößt und alles zu einer verwobenen Fläche verdichtet.
Von dort zieht das Album weiter durch unterschiedliche Nachtphasen: „Wollam“ öffnet dunkel und kreiselnd, mit einer Energie, die an Snarky Puppys „Lingus“ erinnert, bis die Vocals atemberaubende Höhen erreichen.
„Things Will Be Okay“ dagegen strahlt Wärme aus – ein Song über platonische Liebe, klassischer strukturiert, fast tröstlich. Und „Wenn Es Plötzlich Warm Wird“ lässt saftige Wurlitzer-Akkorde psychedelisch mäandern, bevor ein zweiter, ruhigerer Teil wie eine Art Kapitulation nachwirkt.
Dabei bleiben WELTEN nie lange bei einer Form: Mal arbeiten sie mit einem simplen Schlaflied-Motiv („Skúli & Óskar“), mal genügen anderthalb Minuten mit minimalistischen Bläser-Akkorden und einer Vocal-Line darüber („Juli Im November“), mal steigert sich ein Stück aus anfänglichen Obertönen in wildes Solieren hinein („Senza Glutine“).
Was durch all diese Stücke trägt, ist ein sehr eigenes Verständnis von Klang als etwas Lebendigem: Instrumente und Flächen weben sich ineinander, Soundscapes öffnen sich, breiten ihre Flügel aus, um dann präzise auf dem Beat zu landen. Stimme und Flöte umkreisen sich schwindelerregend, während darunter eine warme, erdige Percussion klingt, die auch mal in schläfrige Klangwelten kippt.
Immer wieder wechselt das Album zwischen chaotischen, verzerrten Free-Jazz-Ausbrüchen und offenen, vokalen Ambient-Flächen, die sich anfühlen wie ein entfernter Traum. Dezente elektronische Elemente entfremden diese weiche Klanglandschaft gerade so sehr, dass es kribbelt, ohne sie zu zerstören.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Dopplung von Stimme und Holzbläsern, die einen sonderbaren, fast märchenhaften Klang erzeugt, als würden zwei Instrumente kurz eins. Verantwortlich dafür ist Neuzugang Anna-Lucia Rupp, deren Gesang der Band eine Dimension hinzufügt, die den vier Vorgängeralben fehlte. Auch Schlagzeuger Raphael Schuster bringt frischen Wind.
Man hört dem Ensemble beim Austesten und Tüfteln zu: Sogar die Dissonanzen klingen warm und einladend. Für Hörer*innen, die zeitgemäße Musik zwischen Jazz, Ambient und Post-Rock schätzen, dürfte „Embrace“ zum Soundtrack der kommenden Herbstnächte werden – ein Album, das sich Zeit lässt, ohne zu zerfasern. Eine Umarmung eben, die man sich gerne gefallen lässt.

