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Ferdi – The Sound Of Art

Ferdi – The Sound Of Art

Unter Kultur kann man verschiedene Ebenen verstehen: Regionale Kulturen, die Lebensweisen, Sprache, Religion und Essens-Traditionen umfassen, subkulturelle Szenen, in denen es um Abgrenzung geht, ein kulturelles Ausdrucksfeld wie Theater oder Literatur, oder einen Kunst-Anspruch, allseits bekannte Grenzen zu sprengen und zur Seite zu schieben. Der Saxophonist Ferdinand Lemoine, der sich Ferdi nennt, verbindet all diese Ebenen miteinander.

Sein zweites Album „The Sound Of Art“ strahlt französische Eleganz aus, will die Altbackenheit des Jazz aufbrechen, bewegt sich zwischen der auf dem Cover angedeuteten Malerei und der Musik, im Titelstück zwischen Pantomime-Choreographie im Video-Clip und Musik. Und schließlich lässt es sich auf einen Spagat zwischen einem Saxophon-Album und einem Band-Album, auf dem ein Saxophonist vorkommt, ein.

Ferdi ist 31, hat sein Instrument studiert und eine lange formale Ausbildung in Klassik und Jazz. Als er seinen Abschluss machte, herrschte die Pandemie. Grillabende waren selten. Aber ein belgischer Rapper seiner Generation, Peet, den er online zum Zusammenarbeiten kennen gelernt hatte, veranstaltete einen. Dabei ergab sich eine Gelegenheit, dass dort Ferdi und ein anderer Gast, der Elektronik-Produzent Dabeull, einander begegneten.

Von der gemeinsamen EP hat sich Ferdi mittlerweile frei geschwommen, außer in „Royal Sun“ mit US-Kollege Braxton Cook – doppelte Altsaxophon-Besetzung mit programmierten Beats und Loops.

Der Franzose aus einer Wald- und Sumpfgegend an de Grenze zu Belgien setzt bei „The Sound Of Art“ auf seine eigene Crew, die er aus der Bar-Beschallung von Hotels kennt, darunter Gitarrist Prince Lao. Man kann auch nicht umhin kommen, dem Album den Stempel Bar-Jazz aufzudrücken.

Sie würde sich außerdem für diese Massagesessel mit einprogrammierten Entspannungsprogrammen eignen, bei denen Lounge-Musik so sehr beruhigen soll wie Meeresrauschen. „Blue Magic“ enthält rauschartige Effekte und scheint tatsächlich Meeresrauschen zu signalisieren und somit auf eine der häufigsten Assoziationen mit der Farbe Blau zu setzen.

Der folgende Track spielt auf Regen an, oder womöglich einen Regenbogen, „Colors After Rain“, lässt aber die Drums dominieren. Mit der Massage-Lounge ist ganz schnell Schluss, sobald der Rapper Disiz zwar nicht zu rappen, aber zu singen beginnt.

Seine Stimme klingt recht ‚luzid‘, raumfüllend, hier auch weit nach vorne gemischt. Den Track „Surya“ bestreitet sie vordergründig. Der Gastgeber führt erst am Ende, hat ein Solo am Altsaxophon mit schnellen chromatischen Auf- und Abwärtskurven.

Das basslastige, übersteuert spratzende Instrumental „Low Tide“, das als Theme-Song einer Krimiserie Karriere machen könnte, erfüllt die Vorstellung, die man bei einem Saxophon-Album für ein Nicht-Jazz-Publikum haben mag: Candy Dulfer, David Sanborn, Michael Brecker oder Dean Fraser lassen grüßen.

Sobald das geschwungene Edel-Blech sich fachfremden Genres wie Pop, Soft-Rock, R&B, Hip-Hop oder Reggae unterordnet, gehen mit ihm oft flauschige Arrangements einher, die viel Drumherum enthalten, lieblich und nett klingen, denen man aber oft mehr Kontur wünschen würde.

Denn das Saxophon wurde keineswegs erfunden, um nur Kuschel-Klänge zu unterstreichen. Ferdi selbst hatte das schon bewiesen, als er auf früheren Veröffentlichungen ‚funky‘ und gepfefferter aufspielte, frecher insgesamt.

Am ausdrucksstärksten und mitreißendsten wird das Album aber, wenn „Rêve Pastel“, also das Instrumental über den „pastellfarbenen Traum“, auf die Synästhesie zwischen gemalten Farben und geblasenen Tönen eingeht. Hier können wir beim Hören förmlich die Kleckse und Mal-Bewegungen sehen, die dem Entstehen des Artworks vorangegangen sein könnten.

Ergreifend wirkt der Brückenschlag zwischen Skulptur und Klang in „Jazz Sculpture“, einem klaren Stück, das nicht so viel auf einmal will wie manch andere Tracks hier. Da macht Ferdi mit seinem Saxophon ungefähr das, was Robert Glasper mit seinem Schlagzeug auf seinen Soul-Jazz-Alben macht.

Ferdi bietet einen Rahmen für das, was sich beim Improvisieren richtig anfühlt, selbst wenn das Horn dabei im Hintergrund oder phasenweise ganz verschwindet. Der Raum fürs Skizzieren einer Stimmung ist eröffnet, darauf kommt es an.

So muss man bis fast zum Ende des Albums vordringen, bis man das Entscheidende entdeckt und erlebt.

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