An The Avalanches hat man keine schlechten Erinnerungen, „No Bad Memories“. Sie sind eine der genre-übergreifend geachteten Instanzen. Ähnlich wie bei Lauryn Hill, zu der viele andere Künstler*innen aufschauen, steht dem guten Ruf auch hier ein quantitativ überschaubares, geradezu spärliches Werk gegenüber.
Auf ihrem vierten Album in ihren 29 Jahren zelebrieren die Elektronik-Freunde wieder die Sample-Kultur bis zum Exzess. Sie erzeugen eine Geräuschkulisse ohne im klassischen Sinne zu komponieren, fügen Bausteine aus vorhandenen Sounds zusammen und stellen mehr denn je ihren absurden Humor unter Beweis.
Werbung hat einen enormen unterbewussten Einfluss, sie zu persiflieren ist eine gute Tat. „No Bad Memories“ spielt auf weltweite Marken-Prägung und Corporate IDs an und setzt vor fast jeden Song einen Reklame-Spot oder eine Verwurstung mehrerer bekannter Jingle-Melodien und Werbesprüche.
Dabei gehen The Avalanches unkonventionell vor und mixen diese Erinnerungsstücke aus dem kollektiven Gedächtnis und roboterhafte Kommentare der auf dem Cover abgebildeten Speicher-Diskette brutal chaotisch zusammen. Gleich am Anfang recyceln die DJs aus Down Under das akustische Logo eines magentafarbenen deutschen Telekommunikations-Unternehmens.
Mitunter steckt in 33 Sekunden so viel Schräges, so viel Quatsch an Stimmverfremdung und Ironisierung unseres technisierten Alltags wie bei „3D Glasses Not Included“, dass das Album in erster Linie Comedy ist und an zweiter Stelle Musik.
An eigenen Melodien gehen „Blue Shadows“ mit Karen O als Sängerin und „Every Single Weekend“ mit der Stimme von Jamie xx gut ins Ohr. „No Bad Memories“ ist zwar ein eher radikales Konzept-Werk, ein Klang-Experiment, besitzt somit aber durchaus eingängige Pop-Strecken.
Und auch ein bisschen Hip-Hop schlängelt sich dazwischen hindurch, mit „Vida ft. Erick The Architect“. Der Überflieger des Albums heißt „Far Away“, eine rasante Kombination aus Spoken Word, Soul und Jungle mit John Glacier und Khadija Al Hanafi aus Tunesien – ein großartiger Beitrag.
Um die Struktur des Longplayers noch ein wenig anspruchsvoller, auch komplizierter zu machen, streuen The Avalanches noch eine dritte Sorte Tracks dazwischen, fragmenthafte Überleitungen mit ‚gepitchten‘ Stimmen, zum Beispiel „Like Clockwork / Hit By Traffic“.
Das Titelstück traktiert in einer zweiminütigen Wiederholungsschleife eine Soul-Melodie und klingt wie eine Vinyl-Scheibe, die an einer besonders schönen Stelle hängt.
Die Vorliebe für Soul, wie sie seit „Since I Left You“ (2001) bekannt ist, leben die seither von fünf auf drei Mitglieder geschrumpften Tüftler, DJs und Multiinstrumentalisten aus Melbourne zusammen mit Jungle-Ableger Loaded Honey im schnell süchtig machenden, euphorischen „Final Credits“ aus.
Diese insgesamt subversive Platte beherbergt so unterschiedliche Acts wie Panda Bear, Jessy Lanza, Barry Can’t Swim, der 80-jährigen Suzanne Ciani und die soulige Folk-Pop-Songwriterin Carly Simon. Schließlich landet man bei einem Pionier der elektronischen Musik, der in Japan einst das Yellow Magic Orchestra betrieb und bei Hip-Hop-Künstlern der Jahrtausendwende als Sample-Quelle hoch im Kurs stand, Haruomi Hosono.
Bei der Gästeliste haben sich The Avalanches also nicht lumpen lassen. „No Bad Memories“ ist ein recht spezielles Laboratorium für Audio-Erfahrungen geworden. Es sollte sich jeder anhören, der mal etwas entdecken möchte, das gängige Formen sprengt und den Klang-Horizont erweitert.

