Der gestrige Abend begann mit einer Volkszählung: Wer 2014 schon im Täubchenthal dabei gewesen sei, wollte Henning May wissen, wer aus Leipzig komme, wer die Band schon einmal live gesehen habe. Auf die erste Frage kamen vereinzelte Rufe, auf die letzte ein Wald aus Armen. Zwischen besagter Clubbühne in Plagwitz und der ausverkauften Quarterback Immobilien Arena liegen 12 Jahre, und AnnenMayKantereit ließen sich diese Strecke kurz bestätigen.

Eröffnet hatten zuvor Soft Loft. Wie das Schweizer Quintett um Sängerin Jorina Stamm an diesen Vorband-Slot gekommen sei, erklärte es selbst mit entwaffnender Beiläufigkeit: Man habe im Juni 2025 beim OpenAir St. Gallen am selben Tag gespielt wie AMK, und jetzt dürfe man eben mit. Ihr zweites Album „Throw The Dice“ ist letzte Woche erschienen, die weitflächigen, zurückhaltenden Songs mussten gestern gegen volle Ränge und halbvolle Bierbecher anspielen.

Um 21:00 Uhr übernahmen dann AnnenMayKantereit. Seit „Es ist Abend Und Wir Sitzen Bei Mir“ von 2023 ist kein Album mehr erschienen, an einem neuen wird jedoch gearbeitet.

Bemerkenswert war also weniger, dass die Hits „Marie“, „Pocahontas“ und „3 Tage am Meer“ gespielt wurden, sondern dass AMK dreimal Neues dazwischen legten.

Das war ausdrücklich der Punkt. Indem man die Lieder zuerst selbst live spiele, so Henning May, könne man beweisen, keine KI zu sein – und dass Christopher Annen wirklich Gitarre spielen könne. Der Satz kam beiläufig zwischen zwei Songs und war doch die klarste Ansage des Abends zur Frage, wozu Menschen auf einer Bühne heute noch gut sind.

Die neuen, bisher unveröffentlichten „Legende“ und „Kleine Wolken“ standen direkt hintereinander, eingeklemmt zwischen „Als ich ein Kind war“ und „Du bist anders“ mitten im Hauptteil, wo sonst die sicheren Nummern stehen. „Legende“ führte Henning May über die Beobachtung ein, dass viele seiner Lieder mit Sätzen anderer Leute anfangen. In diesem Fall: „Wir sind alle für dich da, wenn du uns brauchst.“ Aus einem Satz, den man sagt, um zu trösten, wurde ein Song, der ihn eher prüft.

„Kleine Wolken“ stellte die weniger schmeichelhafte Frage, was aus den dreien geworden wäre, hätten sie es mit der Musik nicht geschafft.

„Oft Gefragt“, am Klavier und für einen alleinerziehenden Vater geschrieben, war da längst gelaufen und hatte die Arena so leise bekommen, wie das in einer Arena eben geht.

Ab „Du bist anders“ kamen vier Blechbläser dazu, zwei Trompeten, Saxofon und Posaune, und der Abend wechselte den Aggregatzustand. „21, 22, 23″ bekam ein neues Intro, mit der schlichten Begründung, dass Henning May inzwischen 34 Jahre alt ist.

Mit „Valerie“ von The Zutons gönnte man sich das einzige Cover, „Ich Geh Heut Nicht Mehr Tanzen“ beschloss den Hauptteil.

Die Zugabe begann hinter der Bühne, per Kamera auf die Leinwand übertragen: Henning May sang ein improvisiertes Intro darüber, dass er sich gleich ans Klavier setze und danach ein ostdeutsches Bier trinke, dass der zweite Abend schöner gewesen sei und es wunderbar sei, wenn Leute laut singen und schreien.

Dann baute sich die Bühne wieder auf – erst er allein für „Barfuß Am Klavier“, dann der Rest der Band für „Tommi“, zum Schluss noch einmal die Bläser für das abschließende „Ausgehen“.

Für den Beweis, keine KI zu sein, hätte es die Gitarre am Ende gar nicht gebraucht. Ob eine Künstliche Intelligenz je auf die Idee käme, sich hinter der Bühne ein Lied über ostdeutsches Bier zusammen zu reimen, blieb die einzige offene Frage des Abends.

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