In Fortführung des Klartextes auf dem Vorgänger-Werk „FC Chaya“ nimmt die Rapperin Ebow auf „Typologie Eines Lebens“ kein Blatt vor den Mund. „Ich bete, dass ich in meinem ganzen Leben niemand sehe, der im Blut steht“, spricht sie im Tune „Neues Leben“ an der Seite von Joy Denalane die Kriegsangst an, wie sie insbesondere die Gen Z seit Februar 2022 erfasst hat.
Den Kanzler Friedrich Merz beschimpft sie hemmungslos als „Bastard“, reibt ihm seine BlackRock-getränkten sozialpolitischen Reformpläne in „Arbayt“ unter die Nase. Dieser Song war bereits ein aktivistischer Kommentar zum Tag der Arbeit, als Ebow damit am 1. Mai ihr neues Album ankündigte.
Hier doziert sie auf originelle Weise und mit dokumentarisch wirkenden Statements über die Geschichte von Gastarbeiter*innen in beiderseitig BRD und DDR, und wie sie letztendlich in einen Niedriglohnsektor abgedrängt wurden, wo auch ein Großteil der Enkel*innen stagniert. Einen Grund fasst die Aktivistin Serma Ertan, die sich 1982 aus Protest selbst verbrannte, im anschließenden Interlude so zusammen: „Mein Name ist Ausländer.“
Mit „Heval“ samt Feature-Gast Savo gelingt der in Berlin lebenden Ebow eine schonungslose Chronik der kurdisch-türkisch-armenischen Geschichte an Kriegsverbrechen. Die Wortwahl ist keinen Funken zimperlich, der Fakten-Reichtum binnen weniger Minuten prall, teils schockierend.
Insgesamt zeichnet sich die Platte, neben den mitunter knallharten politischen Tönen, durch eine angenehme Ausgewogenheit aus. Zarte bis zerknirscht ironische Liebes-Momentaufnahmen mischen sich zu fluffigem Neo-Soul immer wieder durch die kollektiven Fragen, und doch spiegeln sich auch in den individuellen Flirt-Enttäuschungen gesellschaftliche Strömungen wider.
Selbstliebe und Narzissmus durchziehen das quirlig vorgetragene und mit einem sehr ruhigen Musikbett unterlegte „Facts“. Der Track ist die beste Werbung für Duett-Rapperin Kitana, zumal für alle, die sie noch nicht oder kaum kannten. Ihre pointierte, im Unterton ironische Stakkato-Poser-Vortragsweise wirkt im Wechselspiel mit Ebows geschmeidigen Flows lebendig, witzig, cool.
„Club 1990“ mit Fayim und „Für Immer“ entrollen wunderschöne, stimmungsreiche Arrangements. Und auch dann, wenn das Album schroffere Töne anschlägt wie im Drum-and-Bass-untermauerten Eröffnungsstück „Wasser“ oder im perkussiven Trap-Boom-Bap-Hybrid „Independent (Cleo)“, sind ebenso viel Atmosphäre und Musikalität gegeben.
Im Unterschied zur Balance aus leichten und schwergewichtigen Themen bei „FC Chaya“ sind dieses Mal alle Songs inhaltlich äußerst gehaltvolle, essenzielle und ernste Hochkaräter. Besonders das melancholische Lied „Lauf Der Dinge“ scheint niedlich und romantisch zu sein, legt aber Resignation, psychosomatische Beschwerden und Traurigkeit offen.
In eine ähnliche Richtung, als Mischung aus friedlicher Gelassenheit und latent brodelndem Frust, strebt der tief beeindruckende Cello-R&B „Novoline„. Die dortige Hookline „Ich bin für dich alles, was du brauchst“ wird jeder garantiert nach dem ersten Hören im Ohr behalten.
Der Tiefgang hinsichtlich der autobiographischen und gesellschaftlichen Themen gibt derweil Stoff für viele Hördurchläufe her, bei denen man jedes Mal Neues entdecken wird. Beim ersten Hören überfluten einen die Eindrücke, Formulierungen, Anspielungen und Referenzen, gleichzeitig kann man das Album in seiner Ehrlichkeit und Vielseitigkeit schnell lieb gewinnen.
