Emma Ruth Rundle hatte in den letzten Jahren reichlich Zeit zum Nachdenken – und hat ihre Beobachtungen der Welt nun in einen Schwermut-Trip verwandelt, der aus dem miserablen Zustand der Dinge etwas von wirklich seltener Schönheit macht. Schon die Songtitel von „These Killing Times“ lassen große, existenzielle Themen erahnen.
Die acht Songs halten dieses Versprechen mühelos. Nach dem karg instrumentierten „Engine Of Hell“ von 2021 holt die Multiinstrumentalistin nun wieder ihre Mitmusiker*innen dazu. Akustische Gitarre, Klavier und Schlagzeug bilden das Fundament und werden gezielt um elektronische Elemente, Saxophon, Backgroundgesang und weitere Klangfarben ergänzt – so wachsen die Songs zu regelrecht monumentalen Klangteppichen heran.
Wie groß der Raum ist, den sie damit aufmacht, zeigt beispielsweise „God’s Picture“: Klaviergeplänkel, gezupfte Gitarre, ein sparsam eingesetztes Saxofon, als hätte sich eine Slowcore-Band in eine Jazz-Bar verirrt. Das Crescendo am Ende gehört zu den bewegendsten Momenten des Albums.
Rundle arbeitet mehrfach mit sakralen Klängen: In „Anvil“ läuten Kirchenglocken, während sich ihre Stimme auf der Bridge aus dem tiefen Flüsterton in glasklare Höhen schraubt.
Und in „God’s Picture“ schwebt im Hintergrund etwas, das fast nach Engelschor klingt. Ausgerechnet das Klang-Inventar jener Institution, deren wachsenden politischen Einfluss sie auf diesem Album verhandelt, wird hier zum musikalischen Werkzeug.
„Catherine Wheel“ strahlt düstere Folklore aus, „Enough“ beginnt ruhig und atmosphärisch kreisend, bevor es in chaotischem Lärm und Dissonanz aufgeht. Den Song beschreibt sie selbst als Abrechnung mit der Milliardärsklasse – die Welt gehöre schließlich allen Wesen.
Es geht um anti-patriarchale Wut, um den Würgegriff des Kapitalismus und um die Frage, welche Rolle wir in unseren Gemeinschaften eigentlich spielen wollen.
Das Herzstück ist „Human Kindness“, achteinhalb Minuten Doom und Ambient in quälender Zeitlupe. Kaum setzt der Song ein, kippt einem eine massive Gitarrenwand entgegen – und mittendrin, im dichtesten Moment, findet sich endlich der lang ersehnte Hoffnungsschimmer: die menschliche Freundlichkeit, für die es sich noch zu kämpfen lohnt.
Danach bleibt „Oceans Of Time“: ein kurzes Stück, auf dem unerwartet eine zweite, männliche Stimme auftaucht, andächtig wie ein Gebet, das nach zweieinhalb Minuten davon dämmert wie ein ferner Traum.
Zusammengehalten wird „These Killing Times“ von Rundles enigmatischer Stimme, die einen immer wieder in ihren Bann zieht. In den Höhen blitzt ein wenig Lana Del Rey auf, in den dreckigeren tiefen Passagen ein bisschen Alanis Morissette – und trotzdem klingt sie zu jeder Sekunde nach sich selbst: wandlungsfähig, expressiv, mit perfektem Gespür dafür, wann sie hauchen und wann sie fast schreien muss.
Tragisch, wunderschön, rätselhaft: Man gibt sich diesem Album hin und kommt lange nicht wieder heraus.
