Das ist alles nur geklaut. Muff Potters neues Album „Klepto“ nimmt nicht nur im Titel Bezug auf den zwanghaften Diebstahl. Wie von Thorsten Nagelschmidt & Co. gewöhnt, garnieren sie ihre „Angry Pop Music“ nicht nur mit schwarzem Humor und hintergründig tiefsinnigem Blick auf die Gesellschaft, diesmal hat man sich auch verschiedenster Zitate bedient.

Da wird Reinhard Mey mit „Nein, meine Söhne und Töchter geb ich nicht“ zitiert, das „Mitarbeiter des Monats“ Superlativ bedient und sogar Erasure rezitiert. Die „Zitatmaschine“ der großartigen Pendikel erreicht man zwar nicht, man nähert sich der früheren Osnabrücker Band aber musikalisch an.

Nagelschmidt bewährt sich als scharfer Beobachter gesellschaftlicher Veränderungen, der Sound bleibt dem Indie-Rock treu, ohne seine Wurzeln im Punk zu vergessen. Muff Potter lassen auf ihrem neunten Album aber auch hymnische Pop-Refrains ertönen, wie etwa zum Outro von „Taliban Of The Week“.

Trotz der Gesellschaftskritik und des Zynismus zeigt man sich stets auch versöhnlich. „Rückflug Aus Montana“ klatscht seinen Herzschmerz auf die Theke des deutschen Kleinbürgertums. Gefällig dahinplätschernd scheinen sich Muff Potter erst warm gespielt zu haben, denn schon der Opener verhält sich musikalisch eher zurückhaltend.

Auch „Hast Du Den Müll Schon Raus Gebracht ?“ verpackt die Spießigkeit seines Titels in dynamischen Indie-Pop. „Du hast wirklich einen Schatten, ich nicht ohne dich“ reicht die Hand um „komm das kriegen wir wieder hin“ als tröstendes Credo auszugeben.

Mit Titel vier kommt die Garstigkeit, die verzerrten, zerrenden Gitarren und melodiöser Gesang. Man zieht mehrstimmig den Hut vor Selig, wenn „Ein Starkes Stück“ den fabulösen 90er Rocksound zurückholt, dabei freimütig „Wir bedienen uns bei den Besten“ gesteht.

Es sei verziehen, denn fortan zieht „Klepto“ in seinen Bann, wenn zum Beispiel das schwermütige, akkordstabile „Und Die Nacht Brach Still Herein“ mit bräsigem Gesang die Zweisamkeit mit einer Wärmflasche feiert.

Mit Punkattitüde deutet man in „Engelstränen Im Abendlicht“ mit dem Finger dorthin, wo es in der Gesellschaft gerade weh tut. Da wird „wer hat an meinem Digestiv genippt“ zum Affront, bis man feststellt: „wirklich jeder Idiot kann einen Krieg beginnen“, um mit der Feststellung „es könnte ewig so weitergehen“ den Track zu beenden.

Den großartigen Pendikel am nächsten rumpelt „Hinter Den Bergen, Am Ende Der Welt“ durch den Sumpf der Selbstreflektion und spielt sich mit harmonischen Melodien in Gehör und Herz. Großartig, wie der Track mit feinen Klanggimmicks und steter Rhythmik vorangeht.

Anders groß, aber weniger artig ist „“Freaks, Geeks & Spinner“. Ein atemloser, ja fast hyperventilierender Wortschwall an die Abnormen, Besonderen, Radikalen und Spinnerten in dieser Welt. „Wenn wir erstmal tot sind – sind wir noch lang genug allein“ bringt die Erkenntnis und Nagelschmidts Wortreichtum treibt sogar Jochen Distelmeyer die Schamesröte ins Gesicht. Das geht soweit, dass sich auch die Instrumente in ein manisches Spiel steigern, in welchem Nagelschmidt „Das ist die Welt die du dir gebaut hast – jetzt musst du darin leben“ von seiner Kanzel predigt.

Klar, dass „So Wie´s Jetzt Ist, Wird´s Nicht Für Immer Sein“ das Album resümierend beschließt. Wieder dem Indie-Pop zugewandt, versuchem Muff Porter, die innere Vermauerung der Gesellschaft einzureißen und mit den Säbeln zu rasseln.

Das in den Bremer Nord Studios eingespielte Album wird auf dem bandeigenen Label „Hucks Plattenkiste“ vertrieben. Schon 1996 hat man in diesem Studio das erste selbstbetitelte Album aufgenommen und auch „Bei aller Liebe“, das erste Album nach der 2018er Reunion wurde vier Jahre später hier eingespielt.

Wohl ein Grund warum auf der exklusiv veröffentlichten Vinylscheibe zwei Bonustracks enthalten sind. Das temporeiche, punkige „Die Playlist Läuft“ derwischt wild und wütend durch die Banalitäten des Daseins, um mit „Königsesch“ eine Retrospektive auf Freundschaft und die Jugend zu bieten.

„Klepto“ klaut. Vor allem klaut es unsere Aufmerksamkeit und die Zeit, die man mit diesem Album verbringen möchte. Es gibt uns dieses Gefühl, ertappt zu sein – wie damals beim Kaugummi-Klauen im Edeka. Ertappt in unserem eigenen Dasein, der Bequemlichkeit in der Belanglosigkeit des Alltäglichen.

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