Es ist über ein Vierteljahrhundert her, als das Album „L`Eau Rouge“ der Young Gods 1989 den Noise-Pegel kräftig ansteigen ließ. Mit ihrem zweiten Longplayer hatten die Schweizer – ganz ohne Gitarren – Maßstäbe gesetzt, gilt dieses bis dato als Genre-Meilenstein. Dessen Nachfolger „T.V. Sky“ gelang 1992 – unter Mithilfe von Paul Kings legendärer „120-Minutes“-Show auf MTV – ein weiterer Coup.
In der Industrial/Post-Rock-Szene gelten The Young Gods als maßgeblicher Einflussfaktor, nicht zuletzt Trent Reznor nennt sie als Referenz, vielleicht klingt deshalb der Titeltrack und Einsteiger in die neue Platte „Appear Disappear“ wechselwirkungshalber auch ein bisschen nach Nine Inch Nails.
Nach den stilistisch wechselvollen und produktiven letzten Jahrzehnten, in denen The Young Gods gemeinsam – und ihre Protagonisten im Einzelnen – unter anderem Kurt Weill-Interpretationen und das Instrumental-Werk „Music For Artificial Clouds“ vorlegten, bekommt ihr Sound der frühen Jahre mit „Appear Disapper“ ein Update.
Mit harten Samples und abrupten Wendungen, hypnotischen Loops und eruptiven Riffs, Melodiefragmenten und collagenhaften, beinahe improvisierten Passagen, schickt das Trio auf der achten Ausgabe den entfesselten Geist ihrer Anfangsjahre für „Sytemized“ oder „Mes Yeux De Tous“ in Ecken ihrer Klanggebäude, die bisher noch auf keiner Tonspur dokumentiert wurden.
„Blue Me Away“ zelebriert die Kunst, zwischen Rock-Song-Struktur und Noise-Eruptionen zu nivellieren, flutet der Bass mit dem „Blackwater“ die latent gefährliche Straßenzüge, verliert sich „Intertidal“ als verlängerter Arm von „Data Mirage Tangram“ in der psychedelischen Entrücktheit der 70er, nimmt sich „Shine That Drone “ die Größe und die Zeit, zum Referenzstück der Platte zu avancieren.
Franz Treichler erzählt dazu auf Englisch und Französisch wie ein analytischer Crooner vom gegenwärtigen Wahnsinn zwischen Krieg und Big Data, wird das Album neben dem großen Ganzen schlussendlich mit „Off The Radar“ sehr persönlich und richtet der Frontmann einen letzten Gruß an seine 2023 verstorbene Frau Heleen.
Im 40. Jahr der Bandgeschichte erscheinen The Young Gods musikalisch zeitlos und inhaltlich relevant, haben mit „Appear Disapper“ ihr Gesamtwerk um ein weiteres Highlight erweitert.