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Yasmine Hamdan – I Remember I Forget بنسى وبتذكر

Alles begann mit einer Roland MC-303 Groovebox. Es war Herbst 1997, Portishead hatten ihr zweites Album, Morcheeba ihr Debütalbum heraus gebracht. Trip-Hop war einer der viel versprechenden Underground-Stile der Stunde, und Yasmine Hamdan, eine junge Psychologie-Studentin, hatte ein Faible dafür entwickelt, vergangene Musik der arabischen Welt bis zurück in die 1930er Jahre mit genau diesen klanglichen Mitteln aufzubereiten, die damals zwischen Bristol, Manchester und London rumorten.

Somit entstand auch im Libanon ein Ableger von Trip-Hop. An die drei Alben ihres makaber betitelten Duo-Projekts Soap Kills kommt man heute nur noch digital heran. Auch die „Arabology“, das einzige Werk des Duos Y.A.S. von Yasmine und Mirwais, ist rar geworden.

Ihr insgesamt drittes Soloalbum und das siebte Werk insgesamt in diesen 28 Jahren legt Hamdan nun unter dem Titel „I Remember I Forget بنسى وبتذكر“ vor.

Ihre Heimat beschreibt sie als „kleines Land mit einer klaffenden Wunde“, und es ist das übergeordnete Thema des Albums und insbesondere in „Shmaali شمالي“. In diesem Song wendet Yasmine die verklausulierende Poesie-Technik Tarweeda an, mittels der sich insbesondere Frauen im arabischen Sprachraum traditionell ausdrücken, wenn sie kritische Liedtexte hinter Chiffren verpacken.

Hamdan erinnert sich – an ein Land, in dem sie lange nicht mehr wohnt. Sie besucht es aber sporadisch, sofern die Umstände es erlauben. Die Lage hat sich seit Pandemie und Inflation zugespitzt, die jüngste radikale Geldentwertung seit 2021 gab dem Land den Rest. In Hamdans Musik spiegelt sich die Hoffnungslosigkeit wider.

Ähnlichkeit oder vertraute Parallelen mit Yasmine Hamdans Album mag es auf unserem Musikmarkt nur wenige geben. Es ist weitaus elektronischer, dunkler in den Klangfarben und hat sich – verglichen mit „Al Jamílat“ und „Ya Nass“ – vom Storytelling entfernt.

Auch früher schon arbeitete sie in ihrer heutigen Heimat Paris mit Marc Collin von Nouvelle Vague. Mit ihm kredenzte sie die Klänge, die auch dieses Mal wieder am allerwenigsten an Nouvelle Vague erinnern, aber doch auch nicht allzu sehr an Hamdan. Sie sind härter geworden, manchmal abweisend.

Die Tracks „Vows سبع صنايع“, „Abyss حويك وزويك“ und das sehnsuchtsdurchtränkte „Mor مر التجني“ formen eine düstere Strecke. Das harte, drängende „Vows“ zieht mit intensiv treibenden mächtigen Beats durch ein Beinahe-Instrumental.

„Abyss حويك وزويك“ dürfte in unseren Ohren verstimmt anmuten, doch das entspricht durchaus auch dem Anlass: „Sie überfielen einander (…) sie hielten einander zum Narren / sie schlachteten sich gegenseitig ab (…) sie zermarterten mir das Hirn“, reflektiert Yasmine die ganzen alten kollektiven Wunden des Bürgerkriegs, der während ihrer Kindheit tobte.

Der Albumtitel „I Remember I Forget“ mag das Vergessen als Slogan formulieren, doch Traumata abzuhaken ist nicht leicht. Wenn es nicht um Angst und eine beunruhigende Kulisse geht, dann herrscht Schwermut vor, oder Sperrigkeit. Auch die zugänglicheren, helleren oder lockereren Tracks transportieren stets etwas mit, das für Reibung sorgt.

Die Luftigkeit von 1997 ist der Dystopie gewichen.

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