Im Schatten der Atomraketen war die Stimmung auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs in den frühen Achtzigern ganz sicher nicht euphorisch. Entsprechend dieser Gemengelage fiel der Soundtrack zur damaligen Zeit düster aus, trugen sich Xmal Deutschland kalt, hart und nihilistisch mit „Schwarze Welt“ erstmals darin ein – ihrem Debüt-Release beim ZickZack Records Plattenverlag des im vergangenen Sommer verstorbenen Alfred Hilsberg.
Im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger ignoriert, spielte die Band in der internationalen Independent-Liga ganz vorn mit, der Vertrag bei dem damaligen Alternativ-Flaggschiff 4AD war die folgerichtige Entwicklung für das Hamburger Quintett.
Im letzten Jahr bündelte „Gift: The 4AD Years“ ihre wichtigsten Veröffentlichungen in einer Neuauflage, damit und mit Material ihres ebenfalls 2024 erschienenen Natur- und Einsamkeitsepos „Codes“ tourt Anja Huwe dato durch Europa.
Dass ihre aktuelle Ausgabe genügend Fans generiert und der Xmal-Deutschland-Nachlass relevant geblieben ist, war am gestrigen Sonntag bei ihrer Zusatzshow in der Leipziger Moritzbastei deutlich zu erkennen, Zeitzeugen und jüngeres Publikum sorgten für eine volle Veranstaltungstonne, die Schnittmenge mit dem Lebensgefühl der Dark-Wave und Gothik-Szene war unübersehbar.
Dem Ruf ihres glühendsten Verehrers im Publikum und ein Intro später stand die temporäre Wahl-New-Yorkerin kurz nach 20:00 Uhr auf der Bühne, verdichtete eine nahe am Dream-Pop arrangierte „Boomerang“-Version vom Start weg die Atmosphäre in der Venue – mit der Kraft der Sprache und der Ästhetik wirkungsverstärkender Projektionen auf der Bühnenleinwand.
Die Beiträge von „Fetisch“ und „Tocsin“ fanden auch 40 Jahre nach Veröffentlichung den Weg in Kopf und Tanzbein – schließlich waren die Nummern in den Undergroundclubs von London bis Berlin Stammgäste auf den Plattentellern der DJs.
Die neuen Songs fügten sich nahtlos in ein Programm ein, in dessen Verlauf Anja Huwe ihre Gäste auf Polaroids verewigte und ihre Schuhe auch auf Flehen eines Devotionalien-Sammlers nicht zur Verfügung stellte.
Ob „Geheimnis“ und „Incubus Succubus“ oder „Pariah“ und „Sleep With One Eye Open“: die bestens eingespielten Musiker*innen um sie herum sorgten bei allen Klassikern und Neulingen auf der Setlist dafür, dass die Veranstaltung zu allem anderen außer einer „Qual“ wurde und lieferten für die Stimme der Protagonistin bis zum Ende der zweiten Zugabe ein tragfähiges Fundament.
Auch, wenn über der Stadt kein „Polarlicht“ flackerte: berauscht in die Nacht entlassen, herrschte Konsens, dass „zeitlos“ nur eines von vielen Attributen für Anja Huwes Musik ist.

