Egal, ob Beyoncé oder Pa Salieu: Ibeyi haben die Musikwelt seit ihrem Debütalbum „Ibeyi“ von 2015 in ihren Händen. Das vierte Album „Offering“ spielt mit seiner absurden Bandbreite an Sounds, Stimmungsbildern und Dynamiken immer noch viele Veröffentlichungen selbstbewusst gegen die Wand.
Die französisch-kubanischen Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Díaz singen im Titeltrack „I don’t make spells any more, I make offerings“ und ja: eine gewisse Ehrerbietung steckt auch 2026 in den spirituellen Songs. Die richtet sich aber nicht unbedingt an eine irgendeine Gottheit, sondern oft auch an das eigene Selbst.
Ibeyi steht heute wie auch 2015 für eine transzendente Selbstermächtigung, für mit großen Gesten und Bildern aufgeladene Projektionsflächen. Dafür singen Lisa Kaindé und Naomi Díaz auf Englisch, Yoruba (die westafrikanische Sprache, die ihr kubanischer Vater sprach), Spanisch und Französisch, die Genre-Sprenkel sprengen wiederum jeden Artikel.
„Offering“ zerrt die Hörer*innen durch eine Landkarte, in der die nächste Abbiegung ganz bewusst genommen wird. Da, wo „Olokun“ das Album mit choraler Mehrstimmigkeit in epochale Größe erhebt, bebt in all der Großartigkeit aber auch der Abgrund bereits in den Stimmverzerrungen.
Ab dann spielen Ibeyi jeden Kompass schwindelig: Der Industrial-Hit „Moshpit“ will in dunklen Club-Stunden gespielt werden, „La Tendresse D’un Mot“ mit Sofiane Pama gehört in ein Konzerthaus, „Baba“ bringt Hip-Hop mit der afrokubanischen Ritualmusik zusammen, „Hurry Hurry“ erinnert an Bossa-Nova und Jazz.
Ibeyi bereichern, ebenso wie Acts wie FKA Twigs, Sevdaliza oder Arca, die Musikwelt mit diesem avantgardistischen Blick auf klassische, moderne und traditionelle Genres: Es sind diese oszillierenden Zwischenräume, in denen Identität in der Diaspora gefunden werden kann, in denen Geschichten erzählt werden, die über jede über Jahrzehnte krampfhaft aufgebauten Grenze hinwegschreiten.
Ibeyis einzigartige Sanftmut zwischen diesen Zeilen, die Verschmelzung aus mehrstimmigen Flächen und experimentellen Pop-Elementen macht aus „Offering“ eine außergewöhnliche Erfahrung, die mit jedem einzelnen Song ganz eigene Welten eröffnet.
Dass das Duo zum Abschluss in „Lucky“ auch noch für Akzeptanz und Gemeinschaft einsteht, bringt das Album auf eine neue Ebene.

