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Ibeyi (Credit Flavia Prioreau)

Ibeyi – Ibeyi

Weltmusik meets Pop. Das ist nicht selten eine durchaus schwierige Konstellation, was unter anderem daran liegen dürfte, dass die Chance häufig nicht wirklich genutzt wird, Klangwelten jenseits vom US- und EU-Kosmos bar jeder Sound-Stereotypie zu erschaffen. Die Zwillingsschwestern von Ibeyi machen mit ihrem Debüt aber eine erfreuliche Ausnahme.

Aufgewachsen sind die beiden in Paris, wo sie schnell ihre Liebe zu progressiver und moderner Popmusik (die zwei berufen sich u.a. auf James Blake und King Krule) entdeckten. Auf der einen Seite haben Naomi und Lisa Kainde-Diaz kubanische Rhythmen im Blut, denn ihr (bereits verstorbener) Vater war unter anderem beim Buena Vista Social Club aktiv. Sie singen englisch, französisch und in der Sprache ihres Vaters, der in der Tradition der Yoruba lebte, einem westafrikanischem Volk, das anscheinend die höchste Zwillingsgeburtenrate aufweist und im 18. Jahrhundert (durch die Sklaverei bedingt) auch den Weg nach Kuba fand. Aus dieser Volks- und Sprachgemeinschaft rührt übrigens auch der Bandname her, der übersetzt „Zwillinge“ bedeutet.

Und doch sind Ibeyi mehr als die Summer der einzelnen Teile, auch wenn man die weltmusikalischen Elemente natürlich keineswegs überhört. Schon der Opener „Eleggua“ garantiert einen magischen Sog, in den das Duo den Hörer sanft entführt. Ein Streichholz wird angezündet und der Chorgesang beginnt. Ein Maximum an Intensität. Die Nummer „Oya“ startet ähnlich minimalistisch, bis wuchtige Cajon-Beats einsetzen. Die Batas auf „River“ dienen als Hip-Hop-Unterbau, auf denen sich die soulig-einschmiegsamen Vocals der Schwestern legen, um von abrupt einsetzendem, afro-afrikanisch anmutenden Gesang wieder abgelöst zu werden.

Die Instrumentierung ist zwar durchgängig spartanisch. Und doch durchweht „Ibeyi“ ein enigmatischer Wind. Auch wenn die stilistische Bandbreite auf den persönlichsten Songs des Albums ein wenig in den Hintergrund gerät. Auf „Behind The Curtain“, in dem die Schwestern sich an ihren verstorbenen Vater erinnern, aber auch auf „Mama Says“, das sich dem Schmerz der Mutter annimmt, dominieren minimale Perkussion und Lisas melancholisch gestimmtes Klavier.

Selbst jenes intime und häufig autobiographische Songwriting, das ganz ohne metaphorische Komponenten auskommt, wirkt hier noch elegant. So sehr verstehen die Schwestern sich bereits darin, klassische Töne mit futuristischen Noten zu verbinden. Dieser Ansatz perfektioniert sich in „Weatherman“, das zu der Sorte Ibeyi-Songs gehört, die einen mystischen, fast schon sakralen Anstrich verpasst bekommen haben.

Von den Geistern, die Ibeyi riefen, hat einer das Duo schon die ganze Zeit beseelt: Der erfinderische. Selten klang ein Debüt so ausgereift, selten wurde ausdrucksstärker bewiesen, dass sich Tradition und Zeitgenössisches nicht ausschließen müssen, sondern in ihrer Seelenverwandtschaft eine ganz neue Klangästhetik erschliessen können.

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