Authentizität ist eines der großen Streitthemen der Popmusik. Welche Künstler*innen drücken sich authentisch aus, welche tun nur so, woran erkennt man dies und wie verändert sich dieser Wert mit der Zeit? Und was hat es zu bedeuten, wenn eine so facettenreiche Künstlerin wie Chelsea Wolfe sich selbst nicht mehr in ihrer Musik erkennt?
„Ich habe mich gefühlt, als würde ich immer wieder eine alte Version meiner Selbst aufsetzen“, reflektierte die Sängerin mal über die Zeit um ihr letztes Album „She Reaches Out To She Reaches Out To She“ (2024). Eine Welle tiefgreifender Lebensentscheidungen beflügelte ihre Kreativität damals in drastische Richtungen, hin zu neuen Klängen und auf ein unfassbar düsteres Album.
Zwei Jahre später ist es wieder Zeit für eine Phase der Selbstfindung. Diesmal weist die musikalische Konsequenz jedoch in die andere Richtung: „The Dark“ klingt nach unerwartet erwartbarer stilistischer Häutung, nach halber Strecke zwischen dem brachialen Synth-Goth-Rock von „She Reaches Out To She Reaches Out To She“ und dem gespenstischen Folk von „Birth Of Violence“ ohne sich den Vorgängern irgendwie zu verpflichten.
Es sei „gleichzeitig eine Rückkehr zum Gewohnten und eine Reflexion der Person, die ich zur Zeit bin“, so die Künstlerin über die sehr eingängigen Songs ihres neunten Albums. Und Pop-Anleihen haben auch ihren Platz in diesem Gebilde. Während also gerade das Songwriting geglättet wurde, haben Wolfe und ihr Produktionsteam jedoch auch viel Liebe in die Details gesteckt.
In „Seethe“ pendeln elektronische Störgeräusche durch das Stereobild; in „Humours“ dicken gurgelnde Schreie den klanglichen Hintergrund an. Der Opener „Cold“ legt mit Piano und Akustikgitarre schmalzige Harmonien vor. Durch den ätherischen Gesang bekommt der Song dennoch eine unwirkliche Qualität verliehen.
Die Hintergrundgeräusche in „Swallower“ sind so hektisch und erratisch, dass man sie nicht mehr überhören kann, wenn sie einmal aufgefallen sind. Genaues Hinhören ist erforderlich, das alles ist sehr leise.
Und das absolute Highlight: „Death Is Not The End“ bedient den Zwiespalt zwischen Folk und Goth-Rock ganz direkt, indem die ruhigen Gitarrenklänge ab der Hälfte Hall, knusprigen Riffs und Drumcomputern weichen. Wie bei den meisten anderen Songs hält der Gesang hier alles zusammen.
Auch wenn sich „The Dark“ im Vergleich zu den beiden überragenden Vorgängeralben wie ein Rückschritt anfühlen kann, wäre es ein Fehler, die Platte darauf zu reduzieren. So übersieht man noch, was sie eigentlich bietet:
Ein sehr schönes Album voll wohlig düsterer Pop-Songs mit wohldosierter Goth-Kante. Und natürlich ein Werk, auf das Chelsea Wolfe auch wieder stolz sein kann.

