Kristin Hersh startete im Alter von 15 Jahren mit den Throwing Muses. Ihre Solo-Alben „Hips And Makers“, „Strange Angels“, „Sky Motel“, „Sunny Border Blue“ und „The Grotto“ sind gut gealterte Klassiker des Gitarren-Rock. Nachdem sie der Musikindustrie dennoch abschwor, wandte sie sich Crowdfunding zu und ließ sich weitere Platten durch Fans finanzieren, gleichzeitig schenkte sie ihnen kostenlose Downloads. In ihrer Autobiographie „Rat Girl“ zog Hersh ein Resümee ihres kniffligen Verhältnisses zur Tonträger-Branche. Doch mit Fire Records hat sie im fortgeschrittenen Alter eine neue Label-Heimat gefunden, in der sie sich wohlfühlt. Es gäbe also viel zu besprechen, doch Kristin empfängt uns im Interview mit einer schockierenden Information. Ihr neues Album „Sugar On Blackstone“ entstand vor dem Hintergrund der Polizeigewalt in Trumps USA, und sie war direkt vor der Haustür in Providence, Rhode Island, an der Ostküste, betroffen. Sie erzählt von den neuen Songs, von Hoffnung, Trauer und ihrem bereits geplanten, nächsten Album.
MusikBlog: Kristin, was ist das Geheimnis hinter deinem Albumtitel „Sugar On Blackstone“?
Kristin Hersh: Ich habe mich an dem Ort wiedergefunden, an dem ich aufgewachsen bin und als Teenager viel Zeit verbracht habe und von dem ich anlässlich meiner ersten Throwing Muses-Platte weg gezogen bin. Am ‚Blackstone‘, einem Pfad, habe ich mit meinem jüngeren Bruder einst Basketball gespielt, und im vergangenen Jahr habe ich eine Art Wiedererleben intensiver Erinnerungen durchlaufen. Der Anstoß dazu war, dass ein Freund von mir von der Polizei erschossen wurde. Mit seiner Witwe und seinen fünf Kindern stehe ich in engem Kontakt.
MusikBlog: Das ist ja gruselig, was euch da widerfahren ist. Wie kann man da noch zuversichtlich den Alltag meistern?
Kristin Hersh: Alle diese Songs entstanden in einer Straße namens ‚Hope Street‘. Das hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich ein recht hoffnungsloses Kind war. Und ich hätte mich zu einer hoffnungslosen Erwachsenen entwickeln können. Das ist wirklich der Punkt: Ich bin an der Quelle der Hoffnung aufgewachsen. Für die Ästhetik einer Songwriterin heißt das, man kundschaftet die Wirklichkeit um dich herum aus. ‚Blackstone‘ wiederum zweigt von dieser Hope Street ab und ist einige Kilometer lang.
MusikBlog: Was war der Befund deines Auskundschaftens?
Kristin Hersh: Wenn du die Leute dort beobachtest, so sind sie wie verlorene Seelen, in ihren jeweiligen intensiven Gedanken und Erinnerungen gefangen und haben ihre eigenen Hoffnungen. Auf dem Blackstone-Pfad treffen alle diese einsamen, mit sich selbst Beschäftigen aufeinander. Ich frage mich, was sie anspornt, denn ich glaube nicht, dass das alles Songwriter*innen sind. Und für mich war das, was mir Antrieb gibt, der „Sugar“.
MusikBlog: Damit sind wir beim anderen Element des Albumtitels, dem Zucker. Was hat es damit auf sich?
Kristin Hersh: Ich stamme aus dem Süden (New Orleans, Anm. d. Red.), wo „Sugar“ gleichbedeutend ist mit Küssen, Umarmungen, Liebe. Ein Lied übernimmt diese Merkmale für mich, wenn er eine wirkliche tiefe Bedeutung hat. „Sugar On Blackstone“ spiegelt wider, was es heißt, um die ganze Welt zu reisen und dann wieder am ‚Blackstone‘ herauszukommen. Und die Songs, bei denen ich zum Fenster heraus gestarrt habe, um dann diesen Pfad zu ergründen, waren immer getränkt von Hoffnung. Derweil plane ich ein weiteres Album namens „Downers On Blackstone“.
MusikBlog: Den Begriff „Downers“ kennt man im Zusammenhang mit Drogen und Medikamenten. Meinst du ihn so?
Kristin Hersh: Ich weiß nicht, ob ihr das Wort in Europa benutzt – in Amerika meint es das Gegenteil einer stimulierenden Substanz. Da geht es um die Lieder, die weniger hoffnungsvoll sind, eher schwer, von niederschlagenden Dingen handeln, aber: Damit zurecht zu kommen, nährt wiederum eine andere Art von Hoffnung. Die Stücke werden nicht nur depressiv sein, aber depressiver als die auf „Sugar On Blackstone“.
MusikBlog: Hast du dann vor, diese Tracks als Record Store Day Veröffentlichung herauszugeben?
Kristin Hersh: Ja. Über Rough Trade sollen diese Songs dann heraus kommen.
MusikBlog: Um auf die Geschichte von diesem Freund zurück zu kommen, der von der Polizei erschossen wurde – konkret behandelst du das Thema zum Beispiel im neuen Song „Snow White Lies“, richtig?
Kristin Hersh: Ja, und sogar mehrmals. Sein Name war Dom (Domonick Knight, Anm. d. Red.), und nach ihm ist etwa auch der Track „Dom In Orange“ betitelt. Für „Ticking“ haben wir den Gesang ursprünglich aufgenommen, bevor Dom starb, aber haben die Arbeit daran vunterbrochen, doch mein Toningenieur sagte: ‚Alles, was wir tun können, ist trotzdem weiter zu arbeiten.‘ Ich habe ihn gefragt: ‚Wie soll ich das machen?‘, und er stellte die Gegenfrage: ‚Kris, wann hast du den Song geschrieben?‘ – Auch diesen Track widmeten wir letztlich Dom, und Monate der Trauer gingen mit der Fertigstellung des Albums einher.
MusikBlog: Das stelle ich mir schwierig vor, einerseits zwar entlastend, wenn man Trauer in schöne Kunst verwandeln kann, andererseits anspruchsvoll, sich zu konzentrieren, unter diesen Umständen. Was ist denn dein Verhältnis zu Doms Familie, den Hinterbliebenen?
Kristin Hersh: Nun, seine Kinder sind sozusagen jetzt meine Kinder. Mit einem solchen Verschwinden eines Menschen kommt eine ganze Menge Chaos auf, Liebe schwingt mit. Mir ist es im Laufe meines Lebens mehrmals passiert, dass ich nicht die Gelegenheit bekam, mich von geliebten Personen zu verabschieden, bevor sie starben.
MusikBlog: Dom war 38. Wie hast du ihn kennengelernt?
Kristin Hersh: Er war in einer Band mit meinem Sohn Wyatt und hat mich auch im Studio besucht. Unsere Familien standen einander sehr nahe. Die Kinder feierten immer zusammen ihre Geburtstage. Heute wohne ich mit seinen Kindern zusammen, seit etwa einem Jahr. Sie sind sehr lebenslustige Wesen. Er war ein lieber Freund, ein wandelnder Sonnenschein.
MusikBlog: Was hat die Polizei geäußert, weswegen sie ihn umgebracht hat?
Kristin Hersh: Das ist das militarisierte Amerika. Der Tag war der Horror. Auf einmal kam Dom nicht mehr zurück.
MusikBlog: Aber wen meinst du, wenn du sagst, das ist das ‚militarisierte Amerika‘?
Kristin Hersh: Zunächst mal sind die USA nicht ein Land, sondern über 50 Staaten, die zusammen gesetzt sind. Und sie bilden eigentlich ein sehr schönes Land. Persönlich begegnen mir keine Republikaner. Ich habe nie einen Rassisten getroffen. Ich lebe umgeben von positiv gesinnten Leuten. Dennoch ist die Verzweiflung sehr real und allgegenwärtig. Wir leben unter einem Regime, das einfach bösartig ist, und wir alle wissen das.
MusikBlog: Wenn man so eine Gewalttat, Polizeigewalt wirklich schon erlebt oder im nächsten Umfeld mitbekommen hat, wie geht man damit um?
Kristin Hersh: Die Furcht vor Gewalt ist schon bemerkens- und bemitleidenswert. Ich persönlich kenne niemanden, der gegen Menschen gesinnt ist, und ich reise viel, komme viel herum, habe an verschiedenen Orten gelebt. Auf Menschlichkeit war ich dabei immer angewiesen. Uns alle eint die übereinstimmende Erkenntnis, dass wir uns in einer Zwickmühle befinden, in wirtschaftlich und politisch turbulenten Zeiten.
MusikBlog: Wie erklärt man denn Doms Kindern das Ganze?
Kristin Hersh: Das weiß ich nicht. Sie mussten es mir erklären. Sie mussten Trauer als Reaktion erst erfinden. Kinder dürfen diese Emotionen unmittelbar zeigen. Ihnen ist das gestattet. Viel an Ratschlägen kann ich ihnen nicht geben, außer aufgrund meiner Lebenserfahrung die Einsicht: Es wird nicht für immer so weh tun wie jetzt am Anfang.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

