Dass Vitamin C ungeheuer wichtig ist, hat die Indie-Rock-Welt 2020 bemerkt, als My Ugly Clementines nach diesem Vitamin benanntes Debütalbum erschienen ist. Die Musik der Wiener Band ist nicht nur gesundheitsfördernd, schnell bekam man mit FM4 und weiteren Medien prominente Unterstützung und auch das 2023 erschienene „The Good Life“ konnte dem Trio mehr Aufmerksamkeit und zahlreiche Festivalauftritte einbringen.
Dabei kommt der Erfolg nicht von ungefähr. Frontfrau Sophie Lindinger ist Mitgründerin von Leyya, einem äußerst erfolgreichen Elektro-Pop-Duo, das unter anderem zwei Amadeus Awards gewinnen konnte (und derzeit pausiert). Mira Lu Kovacs ist bereits als Frontfrau der Indie-Folk-Band Schmieds Puls sowie der Pop-Band 5K HD in Erscheinung getreten und auch Nastasja Ronck konnte man in letzter Zeit bereits als Bandmitglied von Sharktank erleben.
My Ugly Clementine haben sich zu „Apply Autonomy“ zusammengefunden, um die zwischenmenschlichen Beziehungen selbstreflektierend zu verarbeiten. Die Band spielt mit den Gegensätzen in dieser Welt, mal melancholisch, mal laut. Dafür hat auch der Sound einen frischen Grunge – und Alternative-Rock-Anstrich bekommen.
„Don’t Mess With Me“ zeigt klare Grenzen auf, hat einen knackigen Akkord, der immer wieder in einen melodischen, eingängigen Refrain ausbricht und überzeugt mit Lindingers souveränem Übergang von düsterem Sprechgesang zu überzeugendem Selbstbewusstsein.
Dass man bei My Ugly Clementine immer wieder an Bands wie The Breeders, Veruca Salt oder auch Haim denkt, liegt unter anderem an „This is Nice“, das aus einer schmissigen, flirty Indie-Pop-Perle das flehentliche Bitten „don´t break another heart, babe“ nach dem Date macht. Der Song umschwirrt den mehrstimmigen Refrain und färbt auch noch aufs folgende „Confidence“ ab.
Rumpelig stolpern dort die Gitarren in den Track, halten sich an Lindingers klarem Gesang fest und nehmen plötzlich an Fahrt auf. In der Endstation Dauerrotation landet der Refrain, der sich dynamisch ins Gehör einarbeitet und sich dauerhaft einrichtet. Das gefühlvolle Outro bringt die Komposition des Songs nah an die Perfektion eines modernen Indie-Rock-Songs.
Getreu dem Motto „All Killers, No Fillers“, bleibt das Album auf dem erreichten hohen Niveau. Lauter und grungig krachender bei „The Pretender“, dessen energischer Refrain tornadogleich über die Livebühnen wüten wird.
Wer Best Coast gut findet, wird mit „Head In The Air“ glücklich, dessen melancholisch trippiges Saitenspiel taktend den mehrstimmigen Gesangsausbruch einleitet.
„You Won“ überrascht mit kehligem, gehauchten Einsatz am Mikro und einem überzeugenden Duettgesang, der in einen flirrenden Klangteppich aus verzerrten Gitarren und Drumparts übergeht.
So filtert „Science Fiction“ auf einem verletzlichen Akustikfundament die Widersprüche in der eigenen Gefühlswelt. „call me out, call me in, I’m stuck in between“ gilt als verzweifelndes Manifest, das bandtypisch mit einem wuchtigen Gitarrenriff die dunkle Seite des Titels durchbrechen lässt.
Munter weiter in der Indie-Rock-Maschinerie zeigt „No Rescue“ munter den Mittelfinger. Mit ungeheurem Drive arbeiten sich die Saiten voran und bringen Lindingers Qualitäten als Frontfrau zum Scheinen.
Grunge-durchzogen polternd macht es sich leichter Schluss. „I´m glad you’re gone“, resümiert Lindinger auf „If You Know You Know“ und schafft es im Refrain, doch irgendwie versöhnlich zu klingen, „there´s somebody waiting for me…“ klingt nach einem positiven Blick in die Zukunft.
Den hat man auf dem Album sowieso. „Unlawfully Wedded“ stellt das Konzept einer freundschaftlichen Liebe auf die Probe, hinterfragt die Formen der Liebe und den Wert von Freundschaften. Eingebettet in ein eingängiges, schleppend wirkendes Stück Rockmusik trägt Lindingers sanftharmonischer Gesang die positive Botschaft des Songs.
Abschließend lässt der Titeltrack „Apply Autonomy“ noch einmal in die Klangwelten von My Ugly Clementine eintauchen. Wie im fiebrigen Walzer, umflirrt von Gitarren, balzt der Titel um die Frage des selbstbestimmten Lebens. Die Gestaltung des eigenen Daseins im Bewusstsein des Selbst.
Egal, wie man sein Leben gestaltet – Vitamin C und My Ugly Clementine sollten unbedingt ein Teil davon sein. Mit „Apply Autonomy“ klopft das österreichische Trio an der Pforte zum Indie-Rock-Olymp!

