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Clinic – Wild In The Streets

Künstlerfoto: Clinic

„Wild In The Streets“, das zehnte Album von Clinic, klingt, als hätte jemand die Animation eines Halloween-Cartoons aus den Neunzigern mit einem billigen Animatronik-Skelett im Freizeitpark gekreuzt. Auch nach fast 30 Jahren hat die Band aus Liverpool die Lust am Schrägen nicht verloren.

Diese Beschreibung klingt erst mal nicht nett, ist aber als Kompliment gemeint, denn genau daraus bezieht die Platte ihren herrlichen Retro-Kitsch. Dabei sind die Inspirationen durchaus gehobener Natur.

Sänger Ade Blackburn und sein Schulfreund Jonathan Hartley, der sich schon als Teenager für Elektronik und Drum Machines begeisterte, haben zuletzt Exotica für sich entdeckt. Dazu kamen Dub, Cabaret Voltaire und früher Rock’n’Roll wegen seiner Unmittelbarkeit. Um mehr Vorwärtsdrang zu erzeugen, flog auf manchen Songs sogar eine ganze Strophe raus.

Entsprechend sind die 12 Stücke überwiegend kurz und tragen markante Synthesizer-Linien, Orgel, Glockenspiele und Flöten, dazu fuzzy Drums. Zwischendurch fiepen Science-Fiction-Sounds, und Naturgeräusche mischen sich ein. Surf-Rock trifft Weltmusik, Art-Pop schielt Richtung Psychedelia.

Der Titelsong lockt mit wandernder Orgelmelodie und stoischem Beat ins Album. „Model Citizen“ klingelt anschließend wie ein Spielautomat und besingt einen Musterbürger, zensiert sich mitten im eigenen Song selbst und gibt sich demonstrativ empört über Obszönität.

Zwischendurch wird es anstrengend: In „You And I“ klingt Blackburns Stimme noch wabernder und nerviger als ohnehin schon, und rundherum türmen sich elektronische Spielereien. Überhaupt stöhnt und flüstert er, macht komische Geräusche, lamentiert aber meistens zittrig, fast schon gelangweilt vor sich hin. Das fordert Nerven, passt jedoch zum Gesamtbild.

Dafür entschädigt „The Gardener“ mit einer kleinen Weltreise: Ein wackeliger Synthesizer jagt Gitarre und verzerrter Flöte hinterher, und plötzlich landet man klanglich erst in Japan, dann auf Hawaii und am Ende wieder in Liverpool.

„The Time Has Come“ drängt den Kitsch schließlich vollständig in den Horrorzirkus, bevor „Well Wisher“ von Karussellfahrten singt und dazu verträumten Dream-Pop ausbreitet.

Das Album wirkt in seiner halben Stunde Laufzeit wie eine fantastische Traumsequenz. Echos und Glocken-Arpeggios, die man schon vom letzten Album „Fantasy Island“ (2021) kennt, versetzen die Hörer*innen immer wieder in Trance.

Doch diesmal geht die Band einen anderen Weg: Statt sich tropische Ästhetik ironisch anzueignen, bleibt sie bei einer Klangwelt, die viel besser zu ihr passt. Diese dunkle, fantasievolle Welt steht Clinic ausgesprochen gut, auch wenn bunte Einsprengsel sie aufbrechen.

Bahnbrechend ist an „Wild In The Streets“ nichts, dafür wirkt das Album von der ersten bis zur letzten Minute stimmig und passt ziemlich perfekt in die Jahreszeit. Und wie fast alles von Clinic macht es genau das nicht, was gerade angesagt ist.

Es klingt rätselhaft, retro und wunderbar aus der Zeit gefallen, genau dort am Rand, wo ohnehin zu wenig los ist.

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