Seit ihrer Gründung 1997 sind Clinic ihrer Zeit voraus – zumindest im gesundheitlichen Aspekt: Nie sieht man die Band ohne medizinische Masken, ihr Bekenntnis zum Mund-Nase-Schutz legten die Liverpooler vor Jahrzehnten ab, in einer Zeit, in der Corona lediglich als Biermarke bekannt war.

Seit der synth-psychedelischen Persiflierung der alteingesessenen britischen Kleinstadt-Kultur auf dem 2019er Album “Wheeltappers and Shunters” ist die Band zum Duo geschrumpft, dennoch prahlen die verbliebenen Mitglieder mit der Fülle an elektronischen Instrumenten, die sie sich für ihr nun schon neuntes Werk zur Brust genommen haben.

Mit diversen Synthesizern, elektronischen Blasinstrumenten und Drumcomputern im Repertoire machen sich Clinic für “Fantasy Island” aus dem kalten England auf in den sonnigen Strandurlaub – passend dazu auch der Albumtitel, der einer britischen Kultserie aus den 70ern und 80ern entliehen ist, die in tropischen Szenerien spielte.

Und tatsächlich schimmern gelegentlich warmer Sand an den Füßen und die strahlende Karibik-Sonne durch – soweit das eben in dem kruden und exzentrischen Elektro-Dickicht, das Clinic sich über die Jahre gezüchtet haben, überhaupt möglich ist.

Nach wie vor klingt die Band auf “Fantasy Island” äußerst bedrückt, allerdings hört man etwa dem Opener “The Lamplighter” die Tagträumerei nach wärmeren Zeiten an: Neben den deprimierenden Synth-Wave-Instrumentierungen schrammelt eine Ukulele fröhlich im Hintergrund herum, während eine Mundharmonika die düstere Stimmung völlig ignoriert und einfach ihre Melodie pfeift.

Von etwaigen Sommerhits sind die Songs allerdings meilenweit entfernt, mehr und mehr entsteht der Eindruck, dass Clinic mit der fröhlichen Fassade in die Irre führen und trüben Stress in Elektro-Pop-Form durch die Hintertür hineinschleusen, als würden sie ihn selbst loswerden wollen.

Die guten Vibes verschwinden irgendwann gänzlich: Drumcomputer klopfen vor sich hin, die Synth-Orgeln plärren orientierungslos, hin und wieder bringt vielleicht eine E-Gitarre mit ekelig unpassendem Sound etwas Abwechslung in den sonst so tristen Alltag auf der “Fantasy Island”.

Sänger Ade Blackburn wirkt erschöpft vom eigenen Werk, singt lustlos seine Zeilen daher und hat in den gelegentlichen Spoken-Word-Passagen augenscheinlich komplett aufgegeben. Die Frage zwängt sich auf: Wenn schon der Frontmann nicht mehr will, warum muss ich als Hörer da durch?

Es wird klar, was der Band vorschwebte. Wie sie mit ironischen und verstörenden Mitteln tropische Idylle dekonstruieren und ihre Songs dabei mit musikalischen und literarischen Referenzen füllen wollte, hier ein bisschen Funk andeutet und da das soulige “I Can’t Stand The Rain” von Ann Peebles aus 1973 in verschrobenes Synthie-Geklimper verwandelt.

Die Ansätze von “Fantasy Island” sind allerdings nicht sonderlich überzeugend, völlig veraltet oder nerven schlichtweg auf Dauer. Nostalgie für den 80er-Sound gibt es anderorts in viel besseren Varianten und Clinics Verständnis von futuristischem und unorthodoxen Songwriting reizt 2021 niemanden mehr.

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