Mit ihrem dritten Studioalbum „Townie“ kreieren X Ambassadors ein tiefgründiges Porträt ihrer Kindheit und Jugend. Die beiden Geschwister Sam (Gesang) und Casey (Keyboards) wuchsen in der Kleinstadt Ithaca in Tompkins County im US-amerikanischen Bundesstaat New York auf. Dort gab es einst für Jugendliche mit großen Träumen nicht viel zu entdecken. So waren Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und die Sehnsucht nach der großen weiten Welt ständige Begleiter im Leben von Sam und Casey. „Townie“ bringt nun all die Erinnerungen zurück. Wir trafen uns mit Frontmann Sam Nelson Harris zum Interview und sprachen über lange Wartezeiten und große Träume in kleinen Städten.
MusikBlog: Sam, das Promorad für ein neues Studioalbum beginnt sich meist schon Monate vor dem Veröffentlichungstermin zu drehen. Wie erlebst du diese Zeit des Wartens?
Sam Nelson Harris: Es wäre natürlich schön, wenn man mit dem fertigen Material direkt nach dem Mastern auf Reisen gehen könnte, aber so läuft es leider nicht. Im Fall von „Townie“ blicken wir sogar über ein Jahr zurück, wenn wir uns mit dem Anfang des Entstehungsprozesses beschäftigen. Wir waren damals in einer Phase, in der unser Plattendeal auslief. Wir mussten also erstmal ein neues Label finden. Das hat eine Zeit gedauert. Dann kamen noch einige andere Projekte von uns dazwischen und es mussten auch noch Sachen geklärt werden, die die visuelle Umsetzung einiger Ideen betrafen. Manchmal dauern die Dinge einfach etwas länger. Das ist zwar schade, aber umso größer ist die Vorfreude. Man muss in diesem Business einfach Geduld haben. Das ist sehr wichtig. Wir haben in der Vergangenheit auch schon Veröffentlichungen gehabt, bei denen alles etwas schneller lief. Diesmal kamen halt mehrere Sachen zusammen.
MusikBlog: Überdenkt man während so einer langen Zeit auch mal den einen oder anderen neuen, aber noch nicht veröffentlichten Song?
Sam Nelson Harris: Das hatten wir ehrlich gesagt noch nie. Bis zum Veröffentlichungstag ist alles immer sehr aufregend, neu und spannend. Man hat ja meist noch kein oder nur sehr wenig Feedback zu den Songs. Wenn ein Album dann draußen ist, dann kann es schon mal vorkommen, dass man nach ein paar Wochen oder Monaten mit irgendeinem Part nicht mehr ganz so zufrieden ist. Aber auch das gehört dazu. Letztlich muss man aber Entscheidungen treffen. Man sollte nicht zu lange zurückblicken und Dinge hinterfragen, die man nicht mehr ändern kann. Wenn es um Musik geht, sollte man immer den nächsten Schritt nach vorn gehen.
MusikBlog: Bist du jemand, der permanent mit dem Schreiben von Songs beschäftigt ist?
Sam Nelson Harris: Ja, irgendwie schon. Ich bin nicht der Typ, der sein Songwriting irgendwie termintechnisch angeht. Ich bin eigentlich permanent am Schreiben – sei es für die Band, für andere Künstler*innen und Projekte oder nur für mich selbst.
MusikBlog: Das neue Album „Townie“ klingt sehr warm und organisch. Entsteht bei euch ein Sound aus dem Moment heraus oder macht ihr euch bereits im Vorfeld Gedanken über das Klangbild?
Sam Nelson Harris: Diesmal war es so, dass wir ein zusammenhängendes Soundbild kreieren wollten, da wir ein klares Konzept für den Inhalt hatten. Auf dem Album blicken ich und mein Bruder Casey zurück in die Vergangenheit. Es geht um das Gefühl, das wir hatten, als wir in unserer kleinen Heimatstadt aufwuchsen. Wir erinnerten uns an alte Tankstellen, vereinsamte und geschlossene Einkaufsläden und ganz viel Beton. Viele Jugendliche von damals hatten nur einen Wunsch – sie wollten aus der Stadt rauskommen und die Welt und das Leben kennenlernen. Dieser Gefühlswelt wollten wir einen Soundtrack zur Seite stellen.
MusikBlog: Mit welchen Gefühlen blickst du heute zurück in deine Jugendzeit?
Sam Helson Harris: Ich war damals wie alle anderen Kids aus Ithaca. Ich wollte einfach nur raus aus der Stadt. Ich wollte Dinge erleben und kreativ sein. Das alles hatte Ithaca nicht zu bieten. Es gab eine kleine Musikszene. Aber mit der konnte ich nichts anfangen. Es war wirklich schwierig für mich. Heute aber bin ich unheimlich dankbar dafür, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin. So hat sich eine unglaubliche Motivation in mir aufgebaut. Ich weiß nicht, ob sich ohne meine Jugend in Ithaca alles genauso entwickelt hätte. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass alles so gekommen ist.
MusikBlog: Du gewährst den Hörer*innen sehr persönliche Einblicke. Ist dir das schwergefallen?
Sam Nelson Harris: Es sind einfach wichtige Erinnerungen, die auch noch viel mit mir im Hier und Jetzt zu tun haben. Es gibt beispielsweise einen Song auf dem Album über einen Freund von mir aus der Grundschulzeit, der auf sehr tragische Weise ums Leben kam. Ich muss immer an ihn denken, wenn ich mich heute über irgendwelche Belanglosigkeiten aufrege. Dann ploppt seine Geschichte in meinem Kopf auf und ich frage mich, warum ich mich gerade über ein völlig unwichtiges Instagram-Posting ärgere. Dann gab es einen Lehrer, der leider im Jahr 2021 verstorben ist. Er war damals wie ein Mentor für mich. Er hat mir gezeigt und mir beigebracht, wie man mit inneren Ängsten und Unsicherheiten umgeht. Leider habe ich ihm nie richtig dafür danken können. Das beschäftigt mich heute noch. Diese Erinnerungen und Geschichten sind mir einfach wichtig. Und ich möchte, dass die Leute, die unsere Musik hören, das auch wissen.
MusikBlog: Wenn du heute zurückblickst: Welche Träume von damals wurden irgendwann wahr?
Sam Nelson Harris: Oh, da gibt es so viele. Wenn ich nur an die Musik denke, dann weiß ich, dass wir alle irgendwie unsere Helden hatten. Ich war damals ein großer Fan von Rage Against The Machine. Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann mal mit Tom Morello zusammenarbeiten würde. Das ist schon ziemlich verrückt. Dann war es auch sehr krass zu sehen, wie die Hallen immer größer wurden. Zuerst denkt man sich: Wow, wie cool wäre es, wenn wir den Bowery Ballroom in New York vollkriegen würden. Dann träumt man von einem vollen Terminal 5. So geht es immer weiter. Irgendwann spielt man im MSG und steht auf der Bühne beim Lollapalooza-Festival. Es wurden viele Träume wahr. Definitiv.
MusikBlog: Gab es neben den vielen positiven Erfahrungen und Erfolgen auch mal Zeiten, in denen es nicht so lief?
Sam Nelson Harris: Es gibt immer Phasen, in denen man sich auch mal grundsätzliche Fragen stellt. Das war nicht nur während der Pandemie so, als fast alle Bands und Künstler*innen arg zu kämpfen hatten. Die Zeiten haben sich verändert. Es ist unheimlich schwer geworden, mit Kunst im Allgemeinen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aktuell stehen wir gerade vor unserer bis dato größten Tour. Die Ticketverkäufe laufen sehr gut. Und trotzdem werden wir am Ende der Tour kaum Profit generieren können. Es ist wirklich nicht einfach, weil alles teurer wird. Das Gute ist, dass man auf der Bühne andere Dinge vor Augen hat. Dann zählen nur der Moment, die Musik und das Miteinander mit den Fans.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

