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Für einen Musiker gibt es nichts Schlimmeres – Tiga im Interview

Seit über drei Jahrzehnten zählt der kanadische DJ und Produzent Tiga nun schon zu den einflussreichsten und erfolgreichsten Elektro-Künstlern weltweit. Als kreative Kraft hinter dem Label Turbo Recordings und Mitgründer des legendären Nachtclubs Sona, steht Tiga für Millionen Techno-Pop-Fans ganz weit oben auf der Liste, wenn es um inspirierende und massenbewegende Branchen-Größen geht. Auf seinem neuen Studioalbum „Hotlife“ feiert der Kanadier das Leben. Kurz vor der Veröffentlichung des vierten Longplayers aus dem Hause Tiga, sprachen wir mit dem Hauptverantwortlichen über Befreiungsschläge, inspirierende Begegnungen und die gute alte Zeit.

MusikBlog: Tiga, dein neues Album „Hotlife“ strotzt nur so vor Positivität. Wie kommt das?

Tiga: Die richtige Stimmung des Albums und die atmosphärische Ausrichtung waren diesmal Grundpfeiler des Ganzen. Mir war es unheimlich wichtig, ein Album zu produzieren, das durchweg gute Laune versprüht. Es geht um dieses urbane Gefühl, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben Musik aufnimmt. Diese Erinnerung ist so wertvoll und unbeschreiblich. Ich bin einfach dankbar, dass ich wieder Musik aufnehmen kann. Mit „Hotlife“ will ich einfach nur das Hier und Jetzt feiern.

MusikBlog: Hast du dir dafür ein ganz spezielles musikalisches Konzept überlegen müssen?

Tiga: Nein, der Sound des Albums hat sich ganz natürlich entwickelt. Natürlich achtet man darauf, dass die Grooves passen und gewisse Parameter einfach stimmen. Aber das große Ganze fügt sich irgendwann ganz von selbst zusammen. Es gibt neuere und auch ältere Songs. Dieses Gemisch sorgt für einen ganz bestimmten roten Faden.

MusikBlog: Du hast in der Vergangenheit nicht nur schöne Zeiten erlebt. Du hast das mühsame Ringen mit einer neurologischen Krankheit hinter dir. Zunächst einmal: Wie geht es dir heute?

Tiga: Mir geht es schon wieder viel besser. Ich würde sagen, dass ich mittlerweile wieder bei 80 Prozent meines Leistungsvermögens angekommen bin. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Die meisten Dinge, die ich jetzt tue, wie beispielsweise mit dir gerade ein Interview zu führen, waren lange Zeit nicht möglich.

MusikBlog: Inwieweit hat dieser Zustand den Produktionsprozess des Albums beeinflusst?

Tiga: Die Krankheit hat eine sehr große und auch sehr wichtige Rolle gespielt – aber nicht nur in Bezug auf dieses Album, sondern auch auf alles andere in meinem Leben. Ich war lange Zeit nicht in der Lage Dinge zu tun, die sonst zu meinem Alltag gehören. Mails schreiben, kommunizieren, Musik produzieren: Das war alles nicht möglich. Für einen Musiker gibt es nichts Schlimmeres. Lange Zeit war an alles, was mit Musik zu tun hat einfach nicht zu denken. Als es dann irgendwann besser wurde, habe ich jeden einzelnen Moment einfach nur genossen. Es war wie eine Befreiung. Und ich war unheimlich dankbar. Dieses Album hat mich zurück ins Leben gebracht.

MusikBlog: Tiga, du bist bekannt für deine Offenheit, wenn es um Kollaborationen geht. Auch diesmal hast du wieder spannende Acts wie beispielsweise Boys Noize, Matthew Dear, Fcukers und MRD mit dabei. Gibt es eine Begegnung mit einem Künstler, die dich in der Vergangenheit besonders beeindruckt hat?

Tiga: Oh, das ist wirklich nicht leicht. Da fallen mir auf jeden Fall Soulwax aus Belgien ein, die mich sehr inspiriert und beeinflusst haben. Da geht es nicht nur um die Plattenkollektion, sondern auch um die eigenen Skills und die Art und Weise, wie sie arbeiten, mit welcher Geduld sie am Werk sind. James Murphy von LCD Soundsystem hat mir in punkto Gesang geholfen. Dank ihm und seiner Arbeit habe ich gelernt, mich beim Aufnehmen meines Gesangs und meiner Stimme sicher und wohlzufühlen. Es gibt noch mehr Leute, die mir viel bedeuten: Chilly Gonzales ist eine musikalische Naturgewalt, keine Frage. Dann ist da noch Jesper Dahlback, mein Studiokollege der ersten Stunde, die Jungs von Paranoid London oder auch Matthew Dear: Das sind alles Leute, die mich über die Jahre begleitet und inspiriert haben.

MusikBlog: Zu Jesper hast du eine ganz besondere musikalische Beziehung.

Tiga: Ja, in der Tat. Er macht meine Musik immer etwas besser. Das klingt vielleicht komisch, aber so ist es. Wenn ich ihm meine Sachen gebe, dann bekomme ich sie immer etwas aufgebessert zurück. Das ist wie bei einem Upgrade. (lacht) Das gibt mir natürlich ein sehr entspanntes und sicheres Gefühl. Mit Matthew Dear ist es ähnlich. Er hat damals „Bugatti“ gemixt und dem Ganzen noch eine ganz besondere Extra-Note verliehen.

MusikBlog: Bist du jemand, der die Zeit im Studio liebt?

Tiga: Nicht immer, ehrlich gesagt. Es gibt diese Momente, wenn Songs entstehen und man merkt, dass etwas so richtig gut wird. Diese Augenblicke sind unvergleichlich und kostbar. Dafür lebe ich wirklich. Aber das sind immer nur sehr kurze Phasen. Es gibt auch viel Zeit im Studio, die einfach nur belastet. Viele Prozesse sind nervend, vor allem, wenn man gerade keine guten Ideen entwickeln kann. Der schönste Moment ist wirklich dann, wenn ich nach dem Studio im Auto sitze und mir etwas anhöre, das ein paar Stunden vorher noch nicht existierte. Das ist die Magie, um die es geht.

MusikBlog: Als du damals angefangen hast, ging es um Clubs, Plattenverkäufe und Festivals. Heute bestimmt das Internet die Musikbranche. Via Social Media kann jeder zum Musikstar werden. Was hältst du von dieser Entwicklung?

Tiga: Die Zeiten haben sich einfach geändert. Ich bin immer noch ein Freund der alten Schule. Ich liebe Alben und ich liebe es, wenn die Musik im Vordergrund steht. Heute ist die Musik Teil eines großen Media-Pakets. Das ist, ehrlich gesagt, nicht so mein Ding. Aber es nun mal Teil der Entwicklung. Wir leben einfach in einer anderen Zeit. Man muss sich damit abfinden.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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