Soul, als Ausdruck der menschlichen Seele, und Elektronik scheinen einander zu widersprechen, trotzdem trifft man oft auf diese Kombination. Manchmal liegt das nur am Mangel an versierten Instrumentalisten. Das Trio Gotts Street Park schafft hier Abhilfe. Nach zwei EPs, „Volume One“ und „Volume Two“, und dem Debütalbum „On The Inside„, liegt nun mit „Somewhere Between“ der zweite Longplayer vor. Was aber versteht man unter der Seele und wie findet sie in die Musik hinein? Tom Henry, Keyboarder, Joe Harris, Lead-Gitarrist, und Josh Crocker, Bass-Spieler, Multiinstrumentalist und Produzent, sprechen im Interview über Spiritualität, über den ‚Melting Pot‘ Leeds, über Einflüsse aus Jazz, Hip-Hop, Dubstep und Reggae auf ihre Musik und darüber, wie sie Celeste kennen lernten.
MusikBlog: Britischer Soul nimmt in den letzten Jahren wieder an Fahrt auf. Ihr habt euch in der Stadt Leeds kennen gelernt. Ist sie denn ein wichtiger Standort dafür?
Tom Henry: Mein Vater hatte mir immer Soul-Platten vorgespielt. Sicher bin ich auch mit den Beatles aufgewachsen, aber Gigs habe ich generell kaum gesehen als Jugendlicher. Das begann erst in Leeds, als ich mich dort fürs Musikstudium eingeschrieben habe und anfing, Musik vertieft zu entdecken. In Leeds gab es immer eine ziemlich starke Jazz-Szene. Durch die Akademie, das Leeds College Of Music, gab es immer Nachwuchs, der bei Improvisations-Nächten mitmachte. Die Samen für Soul wurden, so schätze ich, hier gesät. Speziell was sich im Neo-Soul ereignet, wuchs aus solchen Veranstaltungen.
MusikBlog: Wo spielten sie sich ab?
Tom Henry: Zu erwähnen ist definitiv der HiFi-Club. Da bin ich mit Freunden aus dem College hingegangen, mit Kommiliton*innen aus der Musikschule und sogar mit Joe zusammen. Dort wurde auch von DJs aufgelegt, sie präsentierten Northern-Soul. Wer diesen ‚Vibe‘ mochte, wusste, dass man ihn dort findet. Sonntagnachts hatten sie im HiFi-Club bei freiem Eintritt Funk-, Soul- und Reggae-Bands. Das war sehr bezaubernde Live-Musik. Zu nennen ist auch der SubDub, eher eine Heavy-Reggae-Nacht-Veranstaltungsreihe.
Josh Crocker: Ja, Leeds hat eine stark karibische Prägung. Zum Melting Pot der Stadt zählen zum Beispiel gute Plattenläden. Egal, ob man dort in Reggae involviert ist, strahlt diese Musikströmung in alles aus, was kulturell in der Stadt passiert. Als ich Tom und Joe das erste Mal traf, waren sie in einer Reggae-Gruppe aktiv. Sie machten minimalistische, auf den Rhythmus fokussierte, Gitarren-Drops (vom One Drop-Beat, dem typischen Roots Reggae-Takt-Muster Anm. d. Red.), und am Bass spielte man die ganze Zeit den gleichen Loop. Alles drehte sich um so ein bestimmtes Feeling, und aus dieser Sozialisation nahmen wir einiges dafür mit, wie wir heute Songs arrangieren.
MusikBlog: Eure Kompetenz umfasst also auch One Drop-Beat, Rockers und all solche Rhythmen?
Tom Henry: So etwas haben wir von Anfang an gespielt, ja.
Joe Harris: Ich höre auch viel jamaikanische Musik. Man sollte jeden Stil mal ausprobiert haben und das richtige Rhythmusgespür bekommen, wenn man in einer Stadt so eine Mischung an Einflüssen zur Auswahl hat. Leeds liebt den Stepper-Stil, denn hier ist die Band Iration Steppas zuhause. Digitales Zeug gibt es auch viel hier. Als sich Dubstep breit machte, haben wir das ganz frisch mitbekommen, mit Acts wie zum Beispiel Digital Mystikz. Ob Mala oder Rusko, Leeds war da ganz vorne dran, neben London, noch bevor man Dubstep ein Genre nannte.
Tom Henry: Für uns ist das natürlich schwierig, objektiv zu beurteilen, weil wir zu dieser Zeit selbst in Leeds gelebt haben. Leeds war jedenfalls wichtig für die Entwicklung von Dubstep.
MusikBlog: Josh, du hast Erfahrung im Produzieren von Musik gehabt, bevor ihr Gotts Street Park gegründet habt. Wo hast du dich in Leeds damals herum getrieben?
Josh Crocker: Als ich Tom und Joe traf, waren sie tief in der Konzertszene verwurzelt, wo ich wenig Erfahrung hatte. Ich kam aus einem anderen Kontext, produzierte Musik im Studio und komponierte. Und ich war begeistert von neuen Aufnahmetechniken und wollte darüber möglichst viel Neues zu lernen, also, wie man bestimmte Klangfarben gewinnt. Als wir aufeinander trafen, war das anfangs einigermaßen experimentell.
MusikBlog: Was ist da im einzelnen passiert?
Josh Crocker: Wir haben Sound-Texturen erforscht, versucht sie zu modifizieren, und geschaut, wie man viele Musiker gleichzeitig in einen Raum bringt. Wir sind mit einem ‚Oldschool‘-Arbeitsethos an die Aufgabe heran gegangen. Das Ganze hatte einen ‚Schlafzimmer-Vibe‘. Tom und ich hatten Spaß an Samples und am Herstellen von sample-basiertem Hip-Hop. Ich bin mit Hip-Hop aufgewachsen. Nach einiger Zeit habe ich die Magie der Sample-Quellen einer bestimmten Ära entdeckt, und wie andere vorgingen, zum Beispiel dass sie zwei oder drei Mikrofone an einem Schlagzeug-Kit anbrachten, dass sie Spring-Reverbs benutzten oder 24er-Spur-Mischpulte verwendeten. Ich bin den Ursprüngen auf den Grund gegangen.
MusikBlog: Eure beiden Alben, sowohl „On The Inside“ als auch „Somewhere Between“, zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Hörer*innen auf magnetische Weise mitnehmen. Es handelt sich da um keine Track-für-Track-Zufalls-Sammlungen, sondern um eine Gesamtstimmung. Ihr nehmt euer Publikum mit auf eine Zeitreise in die Siebziger Jahre und zu der Art, wie man damals Platten produzierte – so fühlt es sich an. War das eure Absicht?
Tom Henry: Ja. Wir hatten eigentlich mehr Tracks als drauf passten und die Auswahl, welche Songs wir nehmen, war ein ganz schönes Stück Arbeit. Und dann mussten wir die Reihenfolge festlegen, wie sie ineinander fließen. Tatsächlich hoffen wir, dass die Leute das Ergebnis so erleben, wie du es beschrieben hast.
Joe Harris: Es sind wirklich einige Stücke übrig geblieben, die wir bewusst ausgespart haben, weil sie nicht in den Zusammenhang passen und zwischen den nun veröffentlichten Songs stören würden. Etwa, weil man dann zu lange in einer Stimmung und einem Tempo verharren würde. Solche Nebenwirkungen muss man ja bedenken: Wie ist der Flow eines Albums? In welche Richtung bewegt es sich? Denn wir wollen in der Tat gemütlich sein, eine Band, zu der man sich entspannt. Wir wollen die Zuhörer*innen nicht ersticken und auch nicht von einem Vibe in einen anderen jagen. Unser Ansatz entspricht viel mehr dem, eine Playlist oder ein Mixtape zusammen zu stellen. Gleichzeitig hilft es auch dem Vibe nicht, an derselben Stelle zu lange zu stagnieren.
MusikBlog: Ich habe gelesen, dass du, Josh, eine Beziehung zum Buddhismus hättest. Ich frage mich seit Erykah Badus „Baduizm“, ob es zwischen der buddhistischen Religion und christlich geprägter Soul-Musik eine Beziehung gibt.
Josh Crocker: Ich würde das gar nicht besonders auf Soul beziehen. Jegliche Musik kann Ausdruck des Menschseins sein – auch Ambient oder Minimal-Techno. Alle Stile können etwas Tieferes, Größeres in sich beherbergen und mit sich tragen. Ich kann einerseits verstehen, was du meinst, bezogen auf Erykah Badu, Neo-Soul, Spiritualität, und wie sie einander kulturell bedingen, andererseits halte ich das für kein Phänomen, das exklusiv für Soul wäre.
Tom Henry: Mit anderen gemeinsam in einem Raum zu musizieren, hat bereits etwas Spirituelles für mich. Dass wir Ideen von außerhalb aufsaugen, ist spirituell. Auch, mit sich selbst eins zu sein und die eigene Präsenz zu spüren, ist so ein Aspekt. Da gibt es also viele Ansatzpunkte, die generell mit Glauben, Religionen, auch spezifisch Buddhismus, übereinstimmen oder korrelieren.
Joe Harris: Im amerikanischen Kontext kommen natürlich viele Soul-Musiker*innen aus einem Gospel-Background. Das ist sicher auch interessant, denn von den Kirchen kann man eine direkte Linie zur Musik ziehen.
Tom Henry: Ich habe ein Buch über die Beatles gelesen, demzufolge in deren Szene ja auch deswegen LSD kursierte, weil Musiker*innen etwas Inneres aus sich heraus lassen wollten, und das ist kein Phänomen, das spezifisch für Soul wäre. Das war für die gesamte Hippie-Bewegung typisch.
MusikBlog: Es geht also immer um die Suche nach dem inneren Frieden. Wenn ihr mit Gesangsgästen wie Pip Millett oder Olive Jones arbeitet, geht es beim Texten der Lieder vordergründig um dieses Thema?
Joe Harris: Wir haben eigentlich keine direkten Gespräche mit unseren Sänger*innen über das, was sie ausdrücken möchten. Dafür sind sie alle selbst verantwortlich. Das Schöne an den Kollaborationen ist, wie mich die Kolleginnen dazu bringen oder dazu inspirieren, meine Gitarre in einer bestimmten Weise anzuschlagen oder eine bestimmte Akkord-Folge beim Komponieren zu wählen. Zu einem gewissen Grad entlocken wir den Gästen aber auch etwas. Die Zusammenarbeit ist wirklich organisch.
MusikBlog: Aber was heißt das konkret? Dass die Feature-Gäste euch Entwürfe von den Texten geben, zu denen ihr als Dienstleistung die Melodien komponiert? Oder ladet ihr eure Gäste ein, wenn ihr eure Kompositionen entworfen habt?
Josh Crocker: Nein, meistens weder noch. Wir kommen blank, mit gar nichts ins Studio, und wenn die Sängerin oder der Sänger auftaucht, jammen wir. Dann sehen wir, was sich entwickelt. Das Gefühl, das wir den Gästen vermitteln, wird dann zur Grundlage für das, was sie anfangen zu schreiben. So läuft es in 90 Prozent der Fälle ab.
Tom Henry: Mit manchen ist es ein längerer Prozess. Die Hauptaufgabe ist es, die Essenz eines Songs erst einmal heraus zu arbeiten und einzufangen. „Wake Me Up“ ist zum Beispiel ein Song, bei dem wir zusammen im Studio festgestellt haben, dass die Hook-Zeile gut zur Stimmung der Musik gepasst hat, allerdings nicht alles in der gemeinsamen Anwesenheit aller entstand. Wir haben eine Skizze festgelegt, eine Struktur, von der wir dachten: ‚So könnte der Song funktionieren.‘ Olive Jones verschwand dann und schrieb den Rest der Lyrics alleine. Und darum geht es uns: Erstmal einen Funken der Inspiration aufzugreifen und daraus dann mehr zu entwickeln.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

