Die Rapperin Ebow hatte nach einem Architekturstudium ihren Durchbruch im Trio Gaddafi Gals an der Seite ihres langjährigen Produzenten Walter p99, der auch ihr letztes Soloalbum maßgeblich prägte. Das neue Album „Typologie Eines Lebens“ geht neue Wege. Ebow spricht mit uns über Unabhängigkeit von Plattenfirmen, über Schüchternheit und über den dramaturgischen Aufbau ihrer Longplayer.
MusikBlog: Ebru, der Song „Wasser“ eröffnet dein neues Album, er geht etwas übersteuert, teilweise sogar elektro-punkig los, teils wirkt er wie Drum-and-Bass und hat wenig Text. Das ist wahrscheinlich das, was man am wenigsten erwartet, wenn man dein letztes Album „FC Chaya“ noch im Ohr hat, und repräsentiert auch das neue Werk nicht. Ist dieser Einstieg Absicht?
Ebow: Auf jeden Fall! Ich wollte, dass es sich so anfühlt, als würde jemand einen ins Leben hinein werfen. „Wasser“ soll sich nicht gemütlich anfühlen, sondern das Stück soll das Gefühl vermitteln: Man ist mitten im Leben.
MusikBlog: Im weiteren Verlauf wird das Album aber anschmiegsamer.
Ebow: Genau! Denn ich denke immer, wenn ich ein Album mache, mache ich es wie einen Film. Dann ist die Frage: ‚Was ist die erste Einstellung? Die Szene, mit der wir in das Album herein kommen?‘ Und dann: ‚Was ist die Gesamtstimmung des Films?‘ Und schließlich: ‚Was sind der Höhepunkt und die Dramaturgie des Ganzen? Und womit gehen wir raus?‘
MusikBlog: „Wasser“ liefert die erste Szene überwiegend durch Klang, kaum durch Textinhalt. Das kennt man von dir so gar nicht.
Ebow: Das ist der erste Track, den ich jemals selbst produziert habe. Ich hatte solchen Spaß daran, so etwas zu produzieren – meine Referenz war The Prodigy. Meine Idee war, die Leute erst ins Chaos zu werfen und danach dort abzuholen und an der Hand zu nehmen.
MusikBlog: Wenn wir schon beim Produzieren sind, wann sind die Streicher echt sind und wann synthetisch?
Ebow: Ich habe bei „Bete Für Mich“ und bei „Novoline“ mit einem Berliner Cellisten gearbeitet, Jakob Seel, zum ersten Mal mit einem Klassik-Musiker. Für mich war das total interessant, um einmal in dessen Musikwelt abzutauchen und abzugleichen, wie es in der Klassik abläuft. Berührungspunkte sind sonst selten.
MusikBlog: Hat sich das Experiment gelohnt?
Ebow: Es war eine großartige Zusammenarbeit, weil ich ihm Sachen vorsingen und er sie nachbauen konnte. So etwas ist für einen klassischen Musiker wohl das einfachste der Welt. Bei „Bete Für Mich“ haben wir aber ein bestehendes Sample für die Strophen nachgespielt.
MusikBlog: Du arbeitest auf dem Album mit vielen Gästen, darunter Rapperin Kitana. Mit diesem Feature habt ihr sicher etwas Gutes dafür getan, dass man sie in einem neuen Kontext entdeckt und ein neues Publikum sie wahrnimmt. Wie habt ihr euch gefunden?
Ebow: Kitana habe ich, glaube ich, online entdeckt, ihr dann über Social Media geschrieben. Als ich den Song „Facts“ teilweise fertig hatte, dachte ich, sie wäre so gut darauf. Sie kommt aus der Battle-Rap-Szene, und ich fand es passend, sie auf einem Track zu haben, auf dem es darum geht, Frust und Wut heraus zu lassen.
MusikBlog: Ich finde ihre Phrasierung sehr anziehend, zum Hinhören, und den Beat dazu stimmig. Wer hat ihn gemacht?
Ebow: Den Beat hat Matt Vukos gemacht, ein Produzent, mit dem ich bei diesem Album neu zusammen gearbeitet habe. Er hat Mehreres auf dem neuen Album produziert.
MusikBlog: Unter den textlichen Themen gibt es dieses Mal nicht nur mehrere, die mit Wut und Frust zu tun haben, sondern auch drei, die Schüchternheit behandeln, zum Beispiel bei der schwierigen Partner*innensuche in „Für Immer“. Hast du Tipps, wie man Schüchternheit ablegt?
Ebow: Nein, ich finde Schüchternheit hat etwas Gutes, ist etwas Natürliches und sollte auch so sein: Wenn einem etwas wichtig ist oder man etwas besonders findet; zum Beispiel wenn da jemand ist, den man toll findet, ist es auch schön, schüchtern zu sein. Es gibt zwar einen Grad an Schüchternheit, der einem selbst zum Verhängnis wird, aber ich finde es sympathisch, sie nicht zu überspielen.
MusikBlog: „Alle, die ich kenne, haben ’nen Crush / aber keiner unternimmt etwas“, heißt einer der Lyrics. Ist das noch das Post-Corona-Syndrom der ‚Social Distancing‘-Norm?
Ebow: Das weiß ich nicht, aber ich kenne ganz viele Situationen mit Freund*innen von mir, die auch jünger sind und in Clubs keine Leute ansprechen. Sie sind in Gruppen in Clubs und verbringen nur Zeit mit ihrer Gruppe. Ich denke mir: Es wird sich niemand trauen, zu dir zu kommen. Ich würde mich auch nicht trauen, in eine Gruppe hinein zu gehen und jemanden anzusprechen.
MusikBlog: Würden deine Freund*innen das denn wollen, suchen sie Partner*innen und Bekanntschaften?
Ebow: Ja, umgekehrt lernen diejenigen hauptsächlich online jemanden kennen. Ich will das gar nicht verurteilen, aber ich denke mir oft: ‚Hey, du hast gerade die Möglichkeit, jemanden kennen zu lernen. Du musst nicht nach Hause, um zu ’swipen‘. Du hast gerade die Möglichkeit, im echten Leben herauszufinden, ob du einen ‚Vibe‘ mit einer Person hast. Es ist zwar normal, dass man schüchtern ist. Aber man kann auch seine Grenzen testen und schauen, was sich gut anfühlt.
MusikBlog: Ihr Künstler*innen habt eine Parallele zu Singles auf Partnersuche, ihr werdet in Apps gedrängt, die sehr bildbasiert sind, auch wenn ihr Audio verkaufen wollt. Wie gehst du damit um?
Ebow: Ich versuche, meinen eigenen Weg darin zu finden. Ich arbeite nicht für Social Media, sondern Social Media kann für mich arbeiten. Und ich möchte das Ganze nur insoweit nutzen, als es mir wirklich auch gut dabei geht. Während ich mein Album gemacht habe, war ich ein halbes Jahr lang gar nicht auf Social Media.
MusikBlog: Wie hast du das geschafft?
Ebow: Ich habe alle meine Apps gelöscht, weil ich gemerkt habe: In einer so kreativen Phase tun sie mir überhaupt nicht gut. Jetzt, wo diese kreative Phase vorbei ist und ich alles nach draußen tragen kann, finde ich das Posten wieder vollkommen okay. Aber es war unglaublich großartig, eben nicht online zu sein.
MusikBlog: Ohne dass etwas gefehlt hätte?
Ebow: Ich glaube, wir haben alle diesen Wunsch, dass es nicht nötig sein müsste, so viel online zu sein, um unsere Musik zu promoten, sondern, dass es vielleicht ein bisschen wie früher wäre. Gleichzeitig gilt: Independent-Künstler*innen wie ich haben dadurch die Möglichkeit, für ihre Musik zu werben. So eine Möglichkeit hätte ich früher, so ohne Label, nicht gehabt.
MusikBlog: Wie läuft es überhaupt ab, ohne ein Label?
Ebow: „FC Chaya“ war mein erstes Album weder mit Label noch mit Vertrieb, nur mit meiner Bookerin zusammen. Das war zugleich mein Album, das am besten funktioniert hat. Parallel war die Tour meine beste Tour. Das kann Glückssache gewesen sein – es kann sein, dass das Album einfach besser angekommen ist – aber ich habe für mich entdeckt, dass ich gerne so unabhängig arbeite.
MusikBlog: Das bringt extrem viel Arbeit mit sich.
Ebow: Ja, gleichzeitig merke ich: Ich habe ganz andere Herausforderungen als jemand, der bei einem Major Label ist.
MusikBlog: Ich finde „FC Chaya“ auch in der „Glitzer-Edition“ ein sehr schönes Album. Woran machst du fest, dass es „am besten“ gelaufen ist?
Ebow: Bei der Tour kann ich es sehr direkt sehen, wo und in welchen Größenordnungen ich spiele, wie viele Tickets wir verkaufen. Beim Album sehe ich es daran, wie viele Exemplare Vinyl wir verkauft haben, wie viel mehr Aufmerksamkeit das Album, verglichen mit vorherigen, bekommen hat. Also an Zahlen wie auch am Feedback mache ich das fest.
MusikBlog: Wo kommt dein Label-Name „Garip Werkstätten“ her?
Ebow: Garip bedeutet ’seltsam‘ im Türkischen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich in der Deutsch-Rap-Landschaft als seltsam wahrgenommen werden, weil man mich nicht einordnen kann. Weil ich politischen Rap mache, aber gleichzeitig lesbischen Rap oder so ein Album wie „FC Chaya“. Ich glaube, dass es sehr oft Leute verwirrt und sie nicht wissen, in welche Kategorie sie mich stecken sollen. Deswegen finde ich ‚garip‘ einen coolen Begriff. Der Begriff ‚Werkstätten‘ kommt hier aus der Architektur. Früher gab es beispielsweise in Österreich viele Architekturbüros, die ‚Werkstatt‘ im Namen hatten. Werkstatt – das klingt nach Handarbeit und Arbeitskräften. Ich fand es schön, das mit aufzugreifen.
MusikBlog: Mein Lieblings-Song auf dem Album ist „Lauf der Dinge“ entschieden. Der ist so melancholisch. Er handelt davon, dass einen etwas bedrückt, man das aber schwer jemandem gegenüber verbalisieren kann, der nicht etwas ähnliches erlebt, oder?
Ebow: Ja, und dann frisst man das Bedrückende lieber in sich hinein. Ich glaube, das geht mir auch oft so mit meinem Stress oder mit Sachen, die ich erlebe. Mit dem Druck, den man als Independent-Künstlerin hat, die sich nicht finanziell auf etwas ausruhen kann.
MusikBlog: Stichwort Finanzen, du sprichst in „Arbayt“ unser Einkommensteuersystem an, und in diesem Zusammenhang hat es auch Friedrich Merz auf dein Album geschafft. Wie siehst du die aktuelle Politik, auch jetzt nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt?
Ebow: Absoluter Horror! Es ist so beängstigend, wie sich die Politik in Deutschland gerade entwickelt. Aber es zeigt auch, dass wir alle viel radikaler sein müssten und viel aktiver werden müssten.
MusikBlog: Eine sehr schöne Zeile auf deiner Platte lautet „Wir laufen durch Straßen, als hätten wir sie erbaut.“ – Sollten wir uns das öfter vorsagen?
Ebow: Ja, auf jeden Fall!
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

2 Kommentare
sollte sicherlich Gaddafi GIRLS statt Gadsafi Hals heißen , oder?
Gaddafi Gals meinten wir, sorry – ist korrigiert