Zum neunten Mal laden Bilderbuch auf Albumentdeckungsreise ein. Dass man vorher nie so ganz weiß, was da passieren kann, ist bekannt. Immerhin eins ist vorher klar: „∞+1“ ist das erste Album ohne den ausgestiegenen Gitarristen Michael Krammer (und nach Sylvan Esso das zweite in diesem Jahr mit dem Unendlichkeitszeichen im Titel).
Sänger Maurice Ernst sagt deswegen, „∞+1“ sei auch eine Art Breakup-Album. Das mag eine Seite der Medaille sein, die andere ist die, dass die Platte einem Helikopter gleich über die Tech-Gegenwart kreist und in jedes Fenster der absurden Gegenwart hineinstrahlt.
Aber: Bilderbuch lassen sich davon sicher nicht die Tanzschuhe wegschnappen. Musikalisch ist dieses neunte Werk mehr „Mea Culpa“ als „SCHICK SCHOCK“ und doch auch wieder etwas anders. Synchron zum dystopischen Tech-Themenfeld streift sich Maurice Ernst wieder tausende Verfremdungen und Autotune über die Stimmbänder, dazu gibt es ein paar Computer-Stimmen und jede Menge Synths.
Als Opener tragen „Finstere Erleuchtung“ und „Was In Dieser Welt“ dabei noch ein (etwas verstörendes) Abbild der lasziven Energie aus Bilderbuch-Anfangstagen in sich, ab „Irgendwo“ nehmen die Störgeräusche und die unwohle Atmosphäre dann überhand.
Bei „Unterwasser“ wird der Kopf in nächtlicher Kavinsky-Soundästhetik gedöppt, „Wahrscheinlich War Es Der Lippenstift“ ist dann plötzlich aufputschender Alternative-Rock (nur eben mit 5 Kilo Autotune auf den Schultern) und „Baby Junkie“ ist dann doch irgendwie ganz klassischer Bilderbuch-Funk.
Alles nur in Algorithmen und Zahlen auswerten zu lassen, ist natürlich Quatsch (man höre „Zahlen als Beweis„), aber gleichzeitig ist dieses Album viel zu charmant komponiert, um nicht zu einem echten Streaming-Kleinod dieser ohnehin unglaublich starken Diskographie zu werden.
Im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen ist „∞+1“ – anders als sein Titel – sehr greifbar, gerade was Melodien und Stimmungsbilder angeht. Auch wenn die Texturen zwischen Elektro-Pop, New Wave, Indie-Rock und allerlei Zwischentönen wie gewohnt beste Feinkost liefern, lassen Bilderbuch keinen hittigen Refrain und keinen funkelnden Groove aus. Schön fürs Gehör, aber eben auch für die Tanzbeine.
Selbst wenn’s nicht für die Unendlichkeit reicht: Für 2026 gehört das in die Heavy Rotation.

