Mitte der Neunziger eröffneten sich in vergleichsweise krisenfreier Zeit Räume für die Leichtigkeit und die hedonistische Seite des Seins. Placebo lieferten dafür mit ihren 1996er Debüt den glitzernden Soundtrack, avancierte das Geschlechteridentitäten pulverisierende „Nancy Boy“ schnell zur Hymne und die Band, deren Geburtszelle in einer Londoner U-Bahn-Station liegt, wurde spätestens mit „Every You Every Me“ – Titeltrack vom zeitgeistigen Film „Eiskalte Engel“ – massentauglich.
Zur Jubiläumstour luden Brian Molko und Stefan Olsdal am gestrigen Montag in die ausverkaufte Quarterback Immobilien Arena in Leipzig, wo ihr Support von den Belgierinnen Maria Iskariot übernommen wurde.
Das Quartett aus Gent, das sich hierzulande zuletzt mit ihrem Auftritt beim diesjährigen Reeperbahn Festival einen hervorragenden Live-Namen gemacht hat, sorgte mit ihrem Punk/Grunge/Riot-Set für ordentlich Druck auf dem Kessel und nicht nur die – wie üblich – crowdsurfende Sängerin Helena Cazaerck ließ ahnen, was bei ihren Auftritten in kleinen Clubs abgeht.
21:00 Uhr zählte der Countdown auf der Leinwand mit Bilddokumenten die letzten 30 Jahre Placebo runter, „Pure Morning“ eröffnete eine Show, die zwar nicht am Morgen begann, für das aus Anhänger*innen mehrerer Generationen bestehende Publikum aber vor allem „pure“ sein sollte.
Dafür wurde die Veranstaltung von Frontmann Molko zur „anti phone night“ proklamiert, damit eine emotionale Verbindung zu den Songs aufgebaut werden konnte, der breiige Soundmatsch in der Mehrzweckarena hatte zumindest eingangs bei „Come Home“ noch etwas dagegen.
Obwohl die Violine von Angela Chan im Verlauf akustisch keinen Mehrwert hatte und die Drums von Matt Lunn mitunter eher nach umgedrehten Kochtöpfen und Plastikeimern denn nach einem Schlagzeug klangen, fing sich die Tontechnik ab „You Don’t Care About Us“ leidlich in einem Konzert, in dem meist wenige Akkorde reichten, um die Nummern zu identifizieren.
Das lag natürlich – ob heftig per „Brick Shithouse“ und „Bruise Pristine“ oder feinfühlig mit „Without You I’m Nothing“ und „My Sweet Prince“ – am hohen Wiedererkennungswert seiner einzelnen Teile, bestenfalls die entschleunigte Version von „36 Degrees“ wich dabei vom Protokoll ab.
Obwohl die Folgewerke mit Ohrwürmern – zuletzt via „Try Better Next Time“ auf „Never Let Me Go“ – gespickt waren, blieb es wie angekündigt beim nahezu kompletten Material der beiden ersten Platten „Placebo“ und „Without You I’m Nothing“ – der sich nahtlos in ihr Portfolio einreihende neue Track „Helen Keller“, basierend auf einem hidden track des Debüts, blieb bis zur Zugabe die Ausnahme.
Dort geriet beim größten Hit auch die letzte Reihe in Bewegung, beschwor der Depeche-Mode-Klassiker „I Feel You“ das Publikum-Künstler-Verhältnis, bevor wie schon vor vier Jahren an dieser Stelle Kate Bushs „Running Up That Hill (A Deal With God)“ den Schlusspunkt setzte.
„Wir wollen auch schön sein“ ließ Brian Molko einst im Interview verlauten. Ihre Musik der frühen Tage ist es bis heute geblieben. Die Protagonisten selbstverständlich auch.

