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Nikolaus Wolf – The Birds Of Desert Sun

Als die Diskussion am Frühstückstisch darum ging, dass sicherlich jeder aus meiner Generation mindestens einmal “Wonderwall” am Lagerfeuer geklampft gehört bzw. sogar gespielt hat, sah mich mein 13-jähriger Sohn verdutzt mit großen fragende Augen an. Ich konnte nicht anders, als ihm die drei heiligen Schlagworte der 90er Jahre Inselmusik beizubringen. Oasis! Gallaghers! Britpop!

Michi Rieder aus dem Chiemgau kennt diese Zeit wohl sehr gut. Als Nikolaus Wolf, dem Namen seines Uropas, orientiert er sich deutlich am Sound der Gallagher-Brüder. Aber keine Angst, hier kommt nicht die x-te “Wonderwall” Coverversion.

“The Birds Of Desert Sun” klingt wie eine Retrospektive des Britpop, Folk und 60s Beatrock. Aufgenommen in Österreich, hat die Scheibe doch genug staubigen Wüstensand eingepackt, um Titel wie “Brother’s Fist” und “Easy Rider” trocken genug aus den Lautsprechern schnarren zu lassen.

Während ersterer Track beatlastig den rhythmischen Opener gibt, weiß zweiterer mit mäandernd schwofendem Tempo sich um den Sänger und seine Sitar zu konzentrieren. Ein eindringlicher Song, welcher durch einen Hausbrand inspiriert wurde, den Nikolaus Wolf letztes Jahr erlebt hat. So richtig lösen vom 60s Sound möchte sich auch “Get It On” nicht. Klingt zwar schon arg nach London, aber zu einer Zeit, als noch die Pilzkopffrisuren geschwungen wurden.

Man nähert sich dem Folk, wenn der “Honkey Boy” akustisch klampfend, zweistimmig ins Gehör wandert. Das gemächliche Tempo von “Over The Clouds” wird mit Klavierbegleitung und surrenden Gitarren beibehalten. In seiner Trägheit dramatisch winden sich die Instrumente wie Weinranken um die weiche Stimmlage Wolfs, um gemeinsam einen weingetränkten Abend einzuläuten.

Den Morgen danach, inklusive Brummschädel, könnte hingegen der Titeltrack “The Birds Of Desert Sun” vertonen. Spärlich, schwerfällig, basslastig kämpft der Song mit der Bettdecke der Melodramatik.

Aber jetzt nochmal richtig Gas geben, mit “Moon Mono” feuern Oasis, äh Nikolaus Wolf, eine Breitseite Inselrock aufs europäische Festland. Das schnarrt, das klampft und geht ins Gehör. Verweilt dort auch eine Zeitlang, bevor das Intro “Wasteman” noch Nick Cave zur “Hört sich an Wie” Liste hinzufügt.

Wenig später würde sich Quentin Tarantino die Hände reiben, wenn er den dreckigen, staubtrockenen Beat-Rock hören würde. Das klingt nach “From Dusk Till Dawn”.

“40 Fingers” mit schnarrenden Gitarren und sägenden Orgeln sowie das mystisch angehauchte “White River” tun der Stimmung keinen Abbruch. Speziell letzterer Titel fährt nochmal die großen Britpop-Geschütze auf. Wabernde Gitarren im rhythmischen Flow des Gesangs zersetzen sich immer wieder in zurrenden Saitensolis. Das zaubert ein kleines Tränchen aufs Auge.

“The Birds Of Desert Sun” ist ein vielseitiges, professionell eingespieltes Werk für alle Freunde von beatbestimmter britannischer Gitarrenmusik. Wer sich lieber in der Staubwüste Nevadas rumtreibt und Geier von unten betrachtet, darf sich die Scheibe ebenfalls ins Reisegepäck packen.

Der bayrische Musiker Nikolaus Wolf versteht sich hervorragend darauf, auf Albumlänge, atmosphärisch dichte Titel zu verdichten. Bei mir zuhause wird die Musik öfters laufen, vermutlich zur Frühstücksbeschallung oder im Kinderzimmer.

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