Und schon wieder ist ein Jahr vergangen und das 20. Reeperbahn Festival steht in den Startlöchern. Europas größtes Club-Festival startet mit dem gewohnten Trubel rund um die Reeperbahn und dem Festival-Village am Heiligengeistfeld. Zum Glück hat sich das katastrophale Wetter der letzten Tage etwas verzogen.

Leider nicht ganz der gewohnt sonnig-bombastische Start, während Honey I’m Home als eine der ersten Bands auf der Fritz! Bühne den Tag im Hintergrund eröffnen.

Richtig los geht es dann mit Itinera im angenehm gefüllten Mojo Jazz Café. Mit Federrock und Kräuterkranz auf dem Kopf treffen sich „Hungarian heritage and shamanism“. Rituelle Percussion trägt den Sound, Folklore trifft auf treibende Elektronik. Fühlt sich an wie auf dem Wave Gotik Treffen.

Neues Molotow, gewohnt endlos lange Schlange. Immerhin das hat sich nicht geändert. „Reeperbahn! Ist it time to get sexy??“. The Pill! Wie zwei Wirbelwinde mischen die beiden den Laden in Sekunden auf. Spielerischer Gute-Laune-Punk mit sexy attitude, immer mit einem deutlichen Augenzwinkern.

Weiter zu Creams im Stage 15 (ehemals Drafthouse). Natia Tchitchinadze liefert Hip-Hop, der irgendwie kein Hip-Hop sein will. Spoken Word, R&B, Trip-Hop und viel Dark-Pop. Starker Ausdruck auf der Bühne, verletzlich stark, intensive Emotionen. Genau für solche Überraschungs-Entdeckungen lohnt sich das RBF.

Zurück ins Molotow zu Florence Road. Die vier Damen starten soft und werden sukzessive wütender. Solider Indie, geht gut in die Ohren.

Bikini Beach im Angie’s gehen zum Abschluss eher in die Beine. Garage, Grunge und eine Prise Punk. Faktor zehn krachiger als auf Platte. Dazu ein hibbeliges rothaariges Energiewunder auf der Bühne. Möglicherweise das erste Mal, dass sich das eher gesetzte Angie’s fast komplett in einen schwitzenden Moshpit verwandelt.

Ausgepowered geht der erste Tag zu Ende.

Man/Woman/Chainsaw kriegen zu sechst die Bühne vom Molotow locker gefüllt. Punkiger Einstieg mit E-Geige. Abwechslungsreicher Mix aus Stilrichtungen zwischen Art-Rock, Indie, Post-Punk und Bombast-Sound. Sehr angenehmer Einstieg in den Tag. Die Haltung der Geigerin am linken Bühnenrand bleibt noch lange im Kopf hängen.

Witch Post liefern im Bahnhof Pauli Indie mit Kraft, bevor TTSSFU die Bühne übernehmen. Der druckvolle Start nimmt den ganzen Saal sofort mit. Zappelig und vielschichtig. Die Drums tragen zerrende Teppiche in den Raum, shoegaze-inspirierter Garage-Sound mit sympathischer Bühnenperformance von Tasmin Nicole Stephens mit der Perücke vom Albumcover.

Direkt danach drehen Just Mustard den Regler nochmal drei Level nach oben. Distanzierter Druck geht voll in den Bauch. Dunkel düstere Energie, mühsam gebremst. Ein zerrender Teppich jagt den nächsten. Die eher liebliche Stimme als Kontrast zu brachialem Zerren. Das ging viel zu schnell vorüber. Die brutale Lautstärke war nebenbei ein guter Test für alle Ohrstöpsel.

In die Pooca Bar gab es kein Reinkommen, also durch Zufall nochmal im Angie’s gelandet. Kurz nach Mitternacht startet Mina Richman. Überraschungs-Ersatz für eine ausgefallene Band. Jazzig angehauchter Singer/Songwriter-Sound mit viel Lebensfreude. Handwerklich ausgefeilter Sound, tanzen ist nicht optional. Ihre Gedanken zu Freiheit, Frauen, queeren Frauen und dem greifbaren Risiko des Freiheitsverlustes treffen als Deutsch-Iranerin sehr greifbar den Punkt.

Freitagmittag, belgischer Nachmittag im Indra. „Good noon, Hamburg“. Lézard. Hüpfiger kann ein Tag nicht beginnen. Genres sind überflüssig, die fünf spielen alles, was Spaß und gute Laune macht. Rock, Disco, punkige Passagen, alles dabei.

Gute Laune ist definitiv nicht das primäre Thema von Eosine. Ganz in weiß, der rechte Arm nach OP in einer Schlinge und ein kurzer nervöser Zusammenbruch kurz vor Beginn. Mit dem Start alles vergessen. Treibender Post-Punk mit wuchtiger Energie. Vom lieblichen Gesang der Aufnahmen bleibt auf der Bühne recht schnell wenig übrig. Wut, Verzweiflung, intensivste Emotionen brechen sich Bahn. Die Tanzperformance steht den Vorgängerinnen trotz Schlinge in nichts nach.

Salvia schaltet danach eine Spur dunkler. Sie bringt düster dröhnenden, schleppenden Druck mit dem richtigen Level Tanzbarkeit. Sehr konsequenter Flow von Anfang bis Ende, schade, dass es nur eine halbe Stunde war.

Freitag wieder im Molotow, Gut Health aus Australien. Funkig angehauchter Post-Punk mit vielen Soundfacetten. Neben der quirligen Frontfrau beeindruckt vor allem die abwechslungsreiche und hoch-akurat komplexe Leistung der beiden Drummer/Percussionisten. Alles andere als eine Copy-Cat-Truppe.

Da Honeyglace kurzfristig ausfallen gibt es als Ersatz nochmal Just Mustard. Diesmal mit offensichtlichen Problemen mit ihren Monitoren, zufrieden schaut anders aus. Gute Show, aber kommt nicht an den Gig davor ran.

Zur Abwechslung dann weiter in den Keller der Nochtwache zu ZINN. Letztes Jahr wegen Unwetter in letzter Sekunde ausgefallen, dafür dieses Jahr da. Schublade für die Musik der drei Wienerinnen gibt es vermutlich keine. „Cabaret-Punk“ könnte in die richtige Richtung weisen. Intime Atmosphäre, nahezu keine Handys, ein überdurchschnittlich konzentriertes Publikum. Mit spielerischer Leichtigkeit transportieren die drei anspruchsvolle, doch eingängige Musik und sehr viel Inhalt, ohne damit übertrieben zu wirken. „Stirb Patriachat Stirb!“.

Wie immer großartige, bunte und abwechslungsreiche vier Tage mit 43.000 Besucher*innen, 450 Acts aus 30 Nationen und beeindruckend guter Organisation. Einzige latente Irritation – Spotify, Amazon Music, Eventim – nicht unbedingt Firmen, die für ihre ethische Integrität berühmt geworden sind. Hoffentlich bleibt der Spin des Festivals auch in Zukunft gewohnt divers, politisch und „den Kleinen“ der Musikbranche treu.

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