Das Musikjahr 2025 begann mit einem Aufschrei – und Florence + The Machine zeigten mit „Everybody Scream„, dass manchmal nur kollektives Brüllen gegen die Weltlage hilft. Das Album etablierte eine Ästhetik der empathischen Verzweiflung, die sich wie ein roter Faden durch 12 entscheidende Monate zog und krönt vielleicht gerade deshalb unsere Redaktionscharts 2025.
Dass ausgerechnet die Lambrini Girls mit „Who Let The Dogs Out“ auf Platz zwei landeten, ist die wohl schönste Pointe des Jahres. Ihr feministischer Punk beweist – auch live in der Moritzbastei in Leipzig, dass Wut keine Phase, sondern eine Kunstform ist.
Ähnlich kämpferisch, wenn auch melancholischer, bewegte sich Stella Sommer alias Die Heiterkeit durch „Schwarze Magie“ – ein Album, das die deutsche Sprache wie ein Beschwörungsritual durch düstere Klanglandschaften führte.
Wet Leg lieferten mit ihrem zweiten Album „Moisturizer“ ein Gegengift zur Schwere: Post-Punk mit Augenzwinkern, der zeigt, dass Ironie und Dringlichkeit keine Gegensätze sein müssen, auch wenn er vielleicht etwas von seiner Dringlichkeit des Debütalbums verloren hat.
Anna Von Hausswolff hingegen erschuf mit „Iconoclasts“ sakrale Klangkathedralen, während Jehnny Beth auf „You Heartbreaker, You“ die Verletzlichkeit zur Waffe schmiedete.
Die Veteranen zeigten 2025 ungebrochene Kraft: Swans donnerten im Mai mit „Birthing“ durch die Gehörgänge, als wollten sie das Jahr neu gebären und verabschiedeten sich (wieder mal) live mit ihrer vorerst letzten Tour.
Bon Iver webte auf „SABLE, fABLE“ seine gewohnt fragilen Klangnetze, und Tocotronic fanden auf „Golden Years“ zu spätkarrieristischer Souveränität.
Naked Lunch feierten nach 12 Jahren auf „Lights (And A Slight Taste Of Death)“ ein fulminantes Comeback, Cass McCombs philosophierte sich durch „Interior Live Oak„, und Big Thief erkundeten auf ihrem mittlerweile sechsten Album „Double Infinity“ kosmische Weiten.
Aber auch die jungen Stimmen prägten das Jahr: Militarie Gun mit „God Save The Gun„, Little Simz mit „Lotus“ und Wednesday mit „Bleeds“ bewiesen, dass neue Generationen andere Fragen an die Musik stellen. Die Münchner Mola wagten sich mit „Liebe Brutal“ an die Widersprüche zwischenmenschlicher Verstrickungen – dennoch war 2025 kein Jahr für Newcomer, zum ersten Mal seit Langem ist in den MusikBlog Redaktionscharts kein einziges Debütalbum vertreten.
Dass De La Soul nach dem Tod von Trugoy The Dove 2023 mit „Cabin In The Sky“ noch einmal die Hip-Hop-Geschichte neu schrieben, war ein Trost in einem Jahr voller Abschiede. Denn 2025 riss Lücken, die nicht zu schließen sind:
Brian Wilson, Marianne Faithfull und Ozzy Osbourne verließen eine Musikwelt, die ohne ihre Pionierarbeit undenkbar wäre. Perry Bamonte von The Cure und Musiker und Filmemacher David Lynch hinterließen Leerstellen, die schmerzten wie falsch gespielte Akkorde.
2025 war – erneut – kein einfaches Jahr, mit wenigen musikalischen Überraschungen, aber eines, in dem die Musik wieder lernte, was sie am besten kann: Zeugnis ablegen, trösten, anregen. Und manchmal auch einfach nur schreien.
Hier unsere Redaktionscharts 2025:
- Florence + The Machine – Everybody Scream
- Lambrini Girls – Who Let The Dogs Out
- Die Heiterkeit – Schwarze Magie
- Wet Leg – Moisturizer
- Anna von Hausswolff – Iconoclasts
- Jehnny Beth – You Heartbreaker, You
- Swans – Birthing
- Bon Iver – SABLE, fABLE
- Tocotronic – Golden Years
- De La Soul – Cabin In The Sky
- Naked Lunch – Lights (And A Slight Taste Of Death)
- Cass McCombs – Interior Live Oak
- Big Thief – Double Infinity
- Destroyer – Dan’s Boogie
- SOHN – Albadas (Dawn Songs)
- Hayley Williams – Ego Death At A Bachelorette Party
- Bartees Strange – Horror
- Militarie Gun – God Save The Gun
- Little Simz – Lotus
- Wednesday – Bleeds
- Mola – Liebe Brutal
- Sam Fender – People Watching
- Tom Odell – A Wonderful Life
- Jonathan Jeremiah – We Come Alive
- St. Paul And The Broken Bones – St. Paul & The Broken Bones
