Visionär und Tabus brechend waren sie gleich mehrmals. Die Jazz-Rap-Urväter De La Soul setzten sich bei aller Sonnigkeit ihrer seit 1988 veröffentlichten Musik bereits auf ihrem zweiten Album mit der Geschichte eines Mädchens auseinander, das von ihrem Vater sexuell missbraucht wird.

Künstliche Intelligenz beschäftigte das damalige Trio dann in seiner „AOI“-Serie, die mit dem Milleniums-Wechsel und bald auch dem gruseligen 11. September 2001 in De La Souls Heimatstadt New York einher ging. Standhaft hielten sie sich vom Gangster-Rap fern, der damals ihre Szene überflutete.

Stets hörte die Welt ihnen zu, weit über Genre-Grenzen hinaus, etwa wenn sie für The Flaming Lips im Vorprogramm auftraten oder mit den Gorillaz kollaborierten. Dass sie mit „Cabin In The Sky“ jetzt noch einmal zurück kehren, war nicht zu erwarten.

Insbesondere, dass dies eine Platte voller Energie und frischer Songs ist, nach allen Regeln der Boom-Bap-Kunst und mit einem breiten Aufgebot an Gästen, von Q-Tip (A Tribe Called Quest), Common, Slick Rick, Nas, Black Thought (The Roots) über Hardcore-Rapper Killer Mike (Run The Jewels), die famosen Beat-Produzenten Pete Rock, Super Dave West und DJ Premier sowie Frauenstimmen wie Yukimi von Little Dragon und Gina Loring, nebst einem Gospel-Kollektiv – für dies alles gab es lange keine Anzeichen.

„Cabin In The Sky“ stellt also eine gelungene Überraschung dar. Denn zwischenzeitlich hatten De La Soul im Jahr 2016 gar kein Label für ihr damaliges neuntes Album „And The Anonymous Nobody…„: Sie sammelten Geld via Crowdfunding. Ihre Kickstarter-Kampagne brachte damals schon binnen eines Tages die erforderliche Summe für zusammen, ebenfalls produziert von Super Dave. Einen weiteren Anlauf für Aufnahmen muteten sie sich – abgelenkt von Rechtsstreitigkeiten – nicht mehr zu.

Eigentlich hätten De La Soul lange Zeit gerne ihre alten Alben auf den Streaming-Diensten gesehen, um damit auch jüngere Hörer*innen-Kreise zu erreichen. Doch ihr Ex-Label Tommy Boy Entertainment wie auch manche Rechteinhaber ungefragt genutzter Samples mauerten lange. Im März 2023 war es dann endlich so weit – seither gehören die Aufnahmen Chrysalis. Doch Trugoy, einer der drei MCs, erlebte das nicht mehr mit. Wenige Wochen zuvor erlag er einem Herzleiden.

Pos und Maseo machten als Live-Act weiter und gerieten in die Rolle als Eröffnungsgruppe für Nas bei dessen Tour im Herbst 2023. Der berühmte New Yorker Altersgenosse, der mit seinem „If I Ruled The World“ (1996) massive Mitschuld an der Popularisierung von Hip-Hop im deutschen Mainstream trägt, hatte ein paar Jahre zuvor das Indie-Label Mass Appeal mit gegründet.

Mass Appeal schickte sich seit dem Frühjahr an, in steter Folge legendären Namen wieder eine Plattform unter der Überschrift „The Legend Has It…“ zu bieten. So brachten Slick Rick und Raekwon im Juni EPs in dieser Serie heraus, im August folgte Ghostface Killah. Im Oktober zeigte der verbliebene Rapper von Mobb Deep auf LP-Länge, wie er mit dem Verlust seines Duo-Partners umgeht.

Um Verlust geht es auf subtile Weise auch auf „Cabin In The Sky“, ohne diesen Gesichtspunkt zu sehr in den Vordergrund zu ziehen. Doch die Beteiligten haben in den letzten Jahren viele ihrer Lieben sterben sehen. Das Album verstehen sie als Akt der Heilung.

Es ist ein warmes, sonniges und emotionales Werk, was sich schon an Songtiteln wie „Sunny Storms“, „Cruel Summers Bring Fire Life“ und „Day In The Sun (Gettin‘ Wit‘ U)“ ablesen lässt.

„Cruel Summers Bring Fire Life“ setzt sich als Zweiteiler zusammen, zum einen aus Funk der Sorte von Kool And The Gang, zum anderen, nach einem Bruch im Track, aus Space-Loops und dem Klang von Sirenen unter dem Zeilen-Spitting.

Zur Vielfalt der Ausdrucks-Modi auf dem Album zählen Kinder- und Monster-Stimmen, gluckernde Scratches auf der Stimme, ein Hörspiel mit Gekreische und zuknallenden Türen, Ansagen für eine Atemübung, edler Chor-Gesang und zu Beginn sogar eine Vorstellungsrunde.

Alle Beteiligten sagen nach und nach ‚hallo‘. Sie wertschätzen den Geist der Zusammenarbeit, der sonst bei Alben mit vielen Hand anlegenden Leuten und Feature-Gästen allzu oft zu kurz kommt. Zu erzählen gibt es viel. Instrumentale Stellen ohne Wort kommen kaum vor.

Das Spiel der Geschlechter, Erinnerungen an Teenie-Tage, Alltags-Philosophisches sowie Metaphern und Wortspiele um ihrer selbst willen durchziehen in einer quirligen Vielseitigkeit das Album.

Neben der Breite der Themen und stimmlichen Darreichung zeigt sich auch das Klang-Design mannigfaltig. Wilder Gospel-Soul, routinierter Jazz-Rap, gelungene Scratches, die Beats dekonstruieren, Funk-Zitate, Geigenverziertes und starke Bassläufe finden alle Platz in der „Kabine“.

Mögen andere Veröffentlichungen in der Mass-Appeal-Serie ein bisschen unentschlossen oder einfach nur nett gewirkt haben, gehen De La Soul einen großen Schritt weiter und knüpfen an die historisch bedeutsamen Werke ihrer Anfangsjahre an.

„Cabin In The Sky“ ist ein würdiges Comeback und die wohl unverzichtbarste East Coast Rap-Scheibe des Jahres. Das physische Format folgt erst am 23. Januar 2026. Bis dahin muss man sich mit der digitalen Ausgabe begnügen – aber diese ist für De La Soul, wie geschildert, noch relatives Neuland.

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