Mit „Lithic“ liegt ein Album für die ‚fortgeschrittene Hörer*innen‘ vor. In den Neunzigern hätte man New Age dazu gesagt und auf Vangelis an der Charts-Spitze verwiesen. Ob Laura Misch auch fortgeschrittene Musik macht, steht auf einem anderen Blatt.
Jedenfalls kombiniert Laura, die Schwester von Tom Misch, Geräusche, Pop, Klassik und Klangkunst auf eine seltene bis seltsame Weise und stellt als Hauptwerkzeug ein Jazz-Instrument in den Mittelpunkt, das Saxophon.
Allen, die Wert auf Liedstrukturen mit Intro, erkennbaren Strophen, Refrain und C-Teil, legen, wird diese Platte wohl schwer fallen. „Lithic“ ist eine schroffe Absage an Leute, die ihren Musikgeschmack so definieren, dass sie „eigentlich alles“ hören.
Die Londonerin serviert nämlich dort, wo sie sehr arg und abrupt ins Symphonische abgeleitet, Kitsch. Dieser mag seine Berechtigung haben, allerdings wäre gerade die Umsetzung ihres Konzepts mit weniger Pathos das spannendere Experiment gewesen.
Laura Misch setzte Feldaufnahmen ein, sagte sie, hingegen verwendete sie Aufnahmen aus Steinbrüchen, von Meeresklippen und Stränden, stellte Mikrofone in Höhlen auf, ihre Band-Kollegen sind der Wind, das himmlische Kind, und die Wellen vor Cornwall. Nicht nur, weil Lauras Kitsch dort spielt, könnte man sie die Rosamunde Pilcher des Art-Pop nennen.
„Lithic“ hält alles fest, was Steine klanglich von sich geben, ohne dass Zweibeiner diese anrühren und als Perkussion benutzen würden. Die Musikerin grenzt diese Platte zu „Sample The Sky“ (2023) ab, einem luftbezogenen Album, das aber – mit Verlaub – genau die gleiche Machart hatte und sich ähnlich verquast, introvertiert und herum stolpernd anhörte.
Um das Gedankengerüst der 33-Jährigen nachzuverfolgen, könnte eine Abbildung helfen: Ein früheres Cover zeigt Misch über der Themse schwebend, mit den Füßen im Wasser, während das Bild herumgedreht ist und die Skyline der Gebäude auf dem Kopf steht. Sie hinterfragt Schwerkraft und Naturgesetze ebenso wie die urbane Zivilisation – so lässt sich das Bild deuten.
Konzept und Stilistik der Komponistin kann man würdigen, die Umsetzung jedoch ist aufdringlich, verfranzt, eine Form von Ambient, bei der man nicht entspannen kann, sondern eher Unruhe verspürt, wobei gleichzeitig alles aalglatt produziert ist. Die Ecken und Kanten der Naturaufnahmen versinken zwischen üppigen Schichten aus süßlichen Cello- und Bläser-Einsätzen.
Lediglich die fragmentarische Album-Einleitung von einer guten Minute legt das Thema ‚Steine‘ offen dar, danach irrlichtert das Album in übertriebenem Glattpolieren. Manche Kritiken loben recht apodiktisch, wie sehr Laura Misch ein Händchen für Melodien und Harmonielehre habe – Einspruch! Das sollte man erwarten können und ändert nichts an ihrem klischeehaften Postkarten-Idyll in Audio-Format.
Laura Misch gibt als Referenzen Annea Lockwood, Barbara Hepworth, Pauline Oliveros und Ruth Allen an, deswegen sei das Album „feminin“, und diese Autorinnen-Persönlichkeiten stünden für ‚Deep Listening‘, Öko-Akustik und Öko-Psychotherapie. Beim säuselnden Dröhnen und der pulsierenden Magie des charismatischen Tracks „Siren“ kann man diese Zuordnung verstehen.
Das zerklüftete und bisweilen zittrige „Kairos“ hat eine interessante Beat-Tektonik und Dramaturgie, phasenweise nur getragen durch ein Saxophon-Solo oder Atempausen.
Der Folk-Trip-Hop in „Scrolls“ hört sich dagegen ranzig und abgegriffen an. Die sedierende Noise-Studie „Soften“ fordert eher Nerven heraus, als Klang-Horizonte zu erweitern.
In diesen beiden Tracks wie auch in „Shell“ und „Spiral“ singt Laura längere Abschnitte, wobei man für diese Art schlaftrunkenen Gesang durchaus Toleranz benötigt, ebenso für die schlecht abgemischten Drum and Bass Akzente im letzten Stück.
Die zweite Album-Hälfte watet insgesamt auf Lounge-Pfaden und driftet bisweilen in übles Gedudel ab. Dagegen verkörpert selbst David Sanborn, der Prototyp des soften Saxophon-Pop, noch vergleichsweise progressive Reibung.
Wer „Lithic“ trotzdem oder deswegen hört, hat wahrscheinlich Sinn für Esoterik und für die Ästhetik des Verwaschenen und Ungefähren.
