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Son Lux (Credit Annett Bonkowski/MusikBlog)

Kein Songwriter im klassischen Sinne – Son Lux im Interview

Der Eiseskälte in seiner Wahlheimat New York entflohen, treffen wir Ryan Lott kurz vor seinem Tourstart in Berlin zur Kaffeezeit in einem leicht urigen Lokal. Vom Fensterplatz aus lässt das SON LUX Mastermind nicht nur seinen Blick auf das Geschehen auf der Straße, sondern auch seine Gedanken umherschweifen, als er wohlüberlegt nach den richtigen Antworten sucht. Selbst der hartnäckige Versuch, den in die Kaffeetasse gefallenen Keks zu befreien, meistert er dabei ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen und erzählt uns nebenbei von den Herausforderungen des Touralltags, seiner ganz persönlichen Wahrnehmung von Musik und seinem nächsten Projekt: Sisyphus.

MusikBlog: Es sind nur noch ein paar Stunden bis zum Start deiner Europa-Tour. Was geht dir durch den Kopf? Mit welcher Erwartungshaltung gehst du in die nächsten Wochen?

Ryan Lott: Was die jetzige Tour angeht, versuche ich eigentlich nur, mich soundtechnisch den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Das ist für mich schon Herausforderung genug, weil ich in dieser Hinsicht ohnehin etwas empfindlich bin. Am liebsten würde ich in einer Welt leben, in der nur wunderbare Klänge existieren. Mir graut es vor allem, was diese Vorstellung zunichte macht. Alles wäre perfekt, wenn ich in meinem Zimmer sitzen, auf mittlerer Lautstärke und vor meinen Monitoren hockend Musik machen könnte, so dass ich die Subwoofer spüre. So könnte ich den Rest meines Lebens verbringen! Stattdessen gehe ich auf Tour, plage mich auf der Bühne mit lärmenden Geräuschen und verrückten Soundsystemen herum oder kämpfe mit Rückkopplungen! Auf diesen Aspekt freue ich mich nicht, wenn ich ehrlich bin, aber er ist wohl nötig, damit ich ein besserer Performer werde.

MusikBlog: Und doch zieht es dich immer wieder auf die  Bühne…

Ryan Lott: Ja! Egal wie man es nimmt – auf der Bühne zu stehen und seinen Sound in dieser Form zu transportieren ist ein ganz besonderes Privileg und eine Herausforderung zugleich. Es ist toll für mich, aber natürlich auch meine Band, dabei zu beobachten, wie wir von Mal zu Mal besser mit der Situation umgehen. Wir werden jeden Abend mehr oder weniger das gleiche Set spielen und ich bin gespannt, wie wir nach ca. 41 Konzerten drauf sein werden. Bei der allerersten Show ist aber immer ein ganz besonderer Nervenkitzel vorhanden. Wer weiss schon, was heute Abend alles passieren wird? Es wird auf jeden Fall ein großer Spaß werden!

MusikBlog: Mit welchem Gefühl hast du die Arbeit an deinem dritten Album „Lanterns“ abgeschlossen?

Ryan Lott: Vor allem mit dem Gefühl, dass es nur ein vorläufiges Ende ist. Ich kenne einen Haufen Leute, die nach der Fertigstellung eines Albums wirklich restlos alles an Material dafür verwendet haben. Bei mir ist das etwas anders, denn ich schreibe und nehme grundsätzlich immer viel mehr Songs für eine Platte auf. Für mich geht es letztendlich darum, die Songs zu finden, die zusammengehören, anstatt alle vorhandenen Ideen auf engem Raum aneinander zu pressen. Dieses Mal habe ich ein paar alte Stücke wieder ausgekramt und versucht, sie neu zu beleben. Gerade weil ich so von den Kollaborationen angetan war und diese nicht in der Versenkung verschwinden lassen wollte. Manchmal funktioniert das, manchmal leider auch nicht. In einigen Fällen wäre es aber tragisch, diese wunderbare Zusammenarbeit nicht zu veröffentlichen. Ich glaube auf einem weiter gefassten Level habe ich gerade nach „Lanterns“ das Gefühl musikalisch angekommen zu sein, auch wenn ich das nicht spezifischer artikulieren kann.

MusikBlog: Deine neuen Songs warten mit einem so hohen Maß an musikalischer Komplexität auf, dass man als Hörer den vielschichtigen Ideen schon mit einiger Aufmerksamkeit begegnen muss, um alles aufzuschnappen. Und doch fehlt gerade heutzutage vielen Hörern die nötige Geduld, sich so genau mit einem Werk auseinanderzusetzen. Auf welche Art und Weise nimmst du am liebsten Musik in dir auf und lässt dich darauf ein?

Ryan Lott: Das ist eine wirklich gute Frage. Ich schätze, das kommt ganz auf die Form der Musik an, denn es ist schwer eine allgemeine Aussage darüber zu treffen. Unterschiedliche Musikstile rufen meistens auch verschiedene Hörgewohnheiten hervor bzw. erfordern ein ganz anderes Maß an Aufmerksamkeit. Die Musik und damit auch ihre jeweilige Funktion lassen sich nur schwer voneinander trennen. Und doch ist es wiederum okay, Musik ihrer Funktion nach in bestimmte Kategorien einzuteilen. Manches will man nur in einem Club oder auf Parties, anderes lieber in einem Café hören.

Musikblog: Hast du dich während der Arbeit an „Lanterns“ jemals mit der Frage beschäftigt, was deiner Meinung nach der beste Weg wäre, die Songs darauf wahrzunehmen? Wenn ja, in welcher Form sollte dies geschehen?

Ryan Lott: Ich fände es großartig, wenn die Leute meine Songs draussen im Freien hören würden. Oder ich könnte mir auch vorstellen, dass es toll wäre, das Album im Dunkeln während einer Autofahrt zu hören, wenn man ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen unterwegs ist. Wenn möglich, ist man dabei sogar alleine. Es wäre ausserdem cool, wenn du einfach auf dem Rücken liegst und die Songs hörst (lacht).

MusikBlog: Erinnerst du dich an den Moment, in dem du das erste Mal bewusst von einem Sound fasziniert warst?

Ryan Lott: Ich habe ein paar sehr lebhafte Erinnerungen, was das Entdecken von Sounds und meine einhergehende Faszination damit angeht, wobei ich nicht sagen könnte, was genau die erste war, weil ich nicht in einem Umfeld aufgewachsen bin, in dem Musik eine große Rolle gespielt hat. Meine Eltern haben mich aber immer sehr unterstützt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Klavierstunden anfangs gehasst habe. Niemand in meiner Familie hat irgendetwas mit Musik zu tun, daher bin ich wohl erst so richtig auf der High School mit Musik in Berührung gekommen, die so viel mehr in mir ausgelöst hat, als ich es bis zu diesem Zeitpunkt kannte. Nicht alle diese Erfahrungen waren schön. Ein paar davon waren ziemlich schmerzhaft und emotional. Ich erinnere mich noch sehr genau an das erste Mal als ich „Dido und Aeneas“, insbesondere „Didos Lament“, gehört habe. Ich lag auf dem Rücken und habe dabei mein Herz gespürt wie es immer schneller geklopft hat. Das war ein so intensiver Moment, dass ich sogar angefangen habe zu zittern.

Ich kann mich auch noch gut daran erinnern wie ich „Miserere“ von Henryk Górecki gehört habe. Das Stück ist circa 34 Minuten lang und beinhaltet einen riesigen Chor, der singt: „Lord Have Mercy On Us“. Ich habe das einmal während eines Gewitters gehört und war sehr davon eingenommen. Es gab auch eine Zeit im College als ich eines nachts aufgeblieben bin, um 4-5 Bob Dylan Alben komplett im Dunkeln durchzuhören. Da hatte ich wirklich das Gefühl, mich beim Hören der Songs über diesen Zeitraum als Person zu verändern. Vieles, was sich musikalisch in meiner Kindheit ereignet hat, ist dagegen nicht so einprägsam gewesen.

MusikBlog: Verbindest du heute immer noch dieselben Gefühle mit bestimmten Stücken wie damals?

Ryan Lott: Nein, nicht wirklich. Ich glaube, ich habe nun neue Gefühle und Eindrücke, die diesen Platz einnehmen. Es gibt da wohl eine ganze Reihe an Tabellen, die diese emotionalen Zustände aufzeigen könnten. Das Gute an Musik ist ja, dass sie im positiven wie im negativen Sinne die Fähigkeit besitzt Gefühle zu transportieren.

MusikBlog: Wie tief musstest du für „Lanterns“ in deine persönliche Trickkiste greifen und wie gut ist diese ausgestattet gewesen, um die auf dem Album vorhandene klangliche Komplexität herzustellen?

Ryan Lott: (lacht) Es geht gar nicht so sehr darum eine Trickkiste zu besitzen, sondern darum auf lange Sicht zu experimentieren und bei dem Prozess geduldig zu seine Klänge zu erforschen und dann wiederum herauszufinden, welche davon in dieser Welt aus Klangerzeugnissen zusammengehören. Jeder Song entdeckt dieses Universum für sich oder entdeckt diese kleine Welt, in der „Lanterns“ existiert. Mir fällt erst jetzt auf, dass das auch mit dem Album Artwork in Verbindung steht. Das zeigt so etwas wie einen „Lantern Moon“. Insgesamt gesehen hat es ein paar Jahre gedauert, bis jedes Puzzleteil genau an seinem Platz war – sowohl die Sessions mit den anderen Musikern als auch die Parts, die ich mithilfe des Computers erzeugt habe. Inmitten dieses Prozesses gehen einige Dinge verloren, andere gewinnt du hinzu.

MusikBlog: Wie schwer fällt es dir dabei, geduldig zu bleiben?

Ryan Lott: Ich persönlich respektiere diesen langen Prozess, in dem sich eine Idee entwickeln kann. Zumal ich mich nicht als Songwriter im klassischen Sinne sehe. Ich reagiere nicht auf eine Melodie oder bestimmte Akkord-Abfolgen etc. Meine Antworten auf musikalischer Ebene sind da viel spontaner gehalten. Ich glaube, für manche Leute ist es recht frustrierend mit mir zusammenzuarbeiten, weil sie davon überzeugt sind, dass eine Idee auf diesem Wege nicht funktionieren kann. Für mich gibt es allerdings immer eine 50/50 Chance, dass es doch klappt.

MusikBlog: Du hast im Laufe der Jahre mit einigen verschiedenen Musikern zusammengearbeitet und kollaborierst auch verstärkt auf „Lanterns“ wieder mit anderen Künstlern. Was ist für dich so reizvoll daran, mit anderen kreativen Köpfen Musik zu machen?

Ryan Lott: Mir geht es vor allem um den Überraschungseffekt, der dadurch in den Arbeitsprozess mit hineinspielt. Sobald eine zweite Anschauung Teil des Ganzen ist, stolperst du automatisch über Dinge, die du sonst nie entdeckt hättest. Gerade diese Überrraschungsmomente sind unheimlich wichtig für meinen ganz persönlichen kreativen Prozess, den ich durchlaufe. Ausserdem finde ich es großartig, wenn es Musik schafft, mich zu überraschen. Danach halte ich stets Ausschau, auch wenn es nicht oft vorkommt, dass dieser Fall eintritt. Es ist okay zu antizipieren, was musikalisch gesehen als nächstes passieren wird, aber das macht doch jeder. Erwartungen gerecht zu werden ist eine Sache, aber Erwartungen zu übertreffen oder sie bewusst herauszufordern und am Ende trotzdem zufrieden zu sein, ist noch einmal etwas ganz Anderes. Es ist gut, wenn manche Dinge ausserhalb deines Kontrollbereiches passieren.

MusikBlog: In ein paar Wochen wirst du zusammen mit deinen Freunden und Kollegen Sufjan Stevens und Serengeti unter dem Namen Sisyphus ein Album herausbringen und damit an die bisher erschienene „Beak & Claw EP“ anknüpfen. Sufjan hat eure Zusammenarbeit als „professional wrestling“ bezeichnet. Siehst du das ähnlich?

Ryan Lott: Wenn es überhaupt so etwas wie Kämpfe gab, dann waren das nur vorgetäuschte. Sowohl Sufjan als auch Serengeti wären mir körperlich überlegen! (lacht) Aber mal im Ernst, die Zusammenarbeit mit den beiden war fantastisch und hat sehr viel Spaß gemacht. Alles ging so schnell, was angenehm war. Wir wollten Musik machen, die sich gut anfühlt und zu der man Spaß haben kann. Während dieses ganzen Prozesses wurden wir sehr enge Freunde und wir haben eine recht intensive Zeit miteinander verbracht. Es hat sich ein wenig oldschool angefühlt, was die Aufnahmen anging. Wir sind einfach zusammen in einen Raum rein und legten los. Vielleicht meinte Sufjan das in Hinsicht auf seinen Kommentar. Wir waren ja in einer Art Ring und mussten den Kampf für uns entscheiden! (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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