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Real Estate – Atlas

Real Estate (Credit Shawn Brackbill)„I´m out again on my own…“. Ich suche den perfekten Soundtrack für meinen Sommertrip in den Süden. Deswegen sitze ich am Steuer meines Wagens und teste Musik, die mir dafür als geeignet erscheint. „I had to hear you just to feel near you…“ singt eine sanfte Männerstimme in dem Song, der sich gerade unter den kühlen Fahrtwind mischt. Perfekt sitzende, aber zurückgelehnte Gitarrenriffs, leicht melancholische Stimmung, Surferstyle.

„Had to Hear“ ist der erste Song auf dem neuen Album „Atlas“ von Real Estate. Ein Album mit bunten Quadraten auf dem Cover, irgendwie abstrakt, irgendwie künstlerisch. Aber der Titel hat es mir angetan. Ist dies mein Altas, mein musikalischer Navigator, der mich mitnimmt in die große, weite Welt? Nachdem mich der erste Song zum Losfahren motiviert hat, wird es mit „Past Lives“ ruhiger und nachdenklicher, doch die Stimmung vom Anfang bleibt.

Real Estate hatten es eilig, auf die Piste zu kommen. Ihr Trip startete 2009 und im gleichen Jahr veröffentlichte die Band bereits ihr erstes Album „Real Estate“. Wären die fünf Musiker aus New Jersey und Brooklyn genauso schnell weitergefahren, gäbe es jetzt wahrscheinlich jetzt schon das fünfte Album. Doch Real Estate halten es laid-back und das hört man auch ihrer Musik an. Hier drängt sich keiner in den Vordergrund. Martin Courtney (Gesang, Gitarre), Matthew Mondanile (Gitarre), Alex Bleeker (Bass), Jonah Maurer (Keyboard, Gitarre) und Jackson Pollis (Schlagzeug) erklingen als eine Einheit.

„Talking Backwards“ dudelt mit seinen Gitarrenmelodien gemütlich vor sich hin und ist der Song, der nach dem ersten Anhören am Besten im Gedächtnis bleibt. Ein Song über eine unerreichbare Liebe, aber in warmen Tönen, Wohlfühlstimmung. Spätestens hier wird klar, dass man auf diesem Album keine großen Experimente zu erwarten hat. „We can talk for hours and the line is still engaged“, singt Martin Courtney. Auch die zehn Songs auf „Atlas“ folgen einer festen Linie. Sie unterscheiden sich nicht großartig voneinander. Die Titel vermittelten verschiedene Momente, Stimmungen, aber alle spielen irgendwo auf dieser ganz bestimmten Reise auf einer staubigen Strecke in Richtung Sonnenauf- bzw. untergang.

Ist “Atlas” also der perfekte Soundtrack für einen Roadtrip? Das absolute Gefühl von Freiheit? Irgendwie schon, passt das ganze Album doch perfekt in den Hintergrund von Motorengeräusch und offenem Fenster. Aber eine gute Reise braucht auch Songs, an die man sich besonders erinnert. Bei Real Estates neuem Werk ist es schwer, sich die Perlen herauszupicken. Hängengeblieben ist bei mir „Aprils Song“, ein Instrumentalstück mit einer verträumten Gitarre, „Primitive“, ein Song der Marke Nachdenklich und „How Might I Live“. Letzterer ist wohl der einzige Song, der sich als richtige Urlaubshymne eignet. „How might I live to see the day?“, fragt sich Courtney bei einer eingängigen Melodie. Ein Song, der sich wirklich gut mit einer alten ungestimmten Gitarre am Lagerfeuer singen ließe.

Trotzdem ist „Atlas“ ein Album, das man am Stück hören sollte. Die großen Hits sucht man vergeblich. Alles klingt irgendwie schön, irgendwie melancholisch und irgendwie gleich. Der Sound ist weniger rockig, falls Real Estate das je waren, als das alte Material der Band. Ein Schlagzeug, weich wie Wattebäusche, säuselnder Gesang und Gitarren, die konstant vor sich hin schrammeln. Wunderbare Songs, handwerklich gut gemacht, aber immer ein Geplätscher für den Hintergrund, zuwenig aufdringlich, um mitzureißen. Ein paar mehr Ecken und Kanten hätten „Altas“ keineswegs geschadet.

Für meinen Sommertrip packe ich die Platte auf aber jeden Fall ein. Dafür ist sie wie gemacht. In die Gänge kommen muss man selber, aber Real Estate kommen gerne mit.

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