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Lasst andere Leute moderne Musik machen – Kindness im Interview

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Anders zu sein, erfordert Mut. Wer sich anpasst und im Strom mitschwimmt, der hat es meist leichter, verpasst aber gleichzeitig die Chance sein wahres Ich in all seinen Facetten kennenzulernen. Das gilt für den Alltag ebenso wie für die Musik, in der man entweder für seine Andersartigkeit gefeiert oder im Gegenzug dazu als merkwürdig abgestempelt wird. Adam Bainbridge alias Kindness proklamierte bereits auf seinem Debüt „World You Need A Change Of Mind“ dem Titel nach einen geistigen Richtungswechsel. Auf dem Nachfolger „Otherness“ sträubt sich der Engländer erfolgreich, zugunsten der künstlerischen Integrität, einmal mehr gegen den Einheitsbrei auf allen Ebenen. Im Gespräch mit uns ließ er durchblicken, warum er auf Idealbilder und einen modernen Sound pfeift und wie die zahlreichen Kollaborationen, wie zum Beispiel mit Robyn, auf der neuen Platte zustande kamen.

MusikBlog: Das letzte Mal als ich dich sah, ranntest du mitten in deinem Auftritt beim Berlin Festival von der Bühne herunter aus der Halle heraus und kamst anschließend mit einem Bier in der Hand zurück. War es ein schöner Spaziergang? Und muss ich fürchten, dass du auch während des Gesprächs mal eben aus der Tür heraus rennst?

Adam Bainbridge: (lacht) Festivals sind immer ein wenig verrückt. Man kann sich nie darauf verlassen, dass die Dinge so funktionieren wie man es will, aber ich hatte sehr viel Spaß bei meinen Shows in Berlin. Es stimmt, ich bin beim Berlin Festival kurz raus verschwunden. Ich wollte testen, wie weit ich komme. Also bin ich los und bin so weit gelaufen bis ich mich mit meinen Kopfhörern selbst bzw. die Musik nicht mehr gehört habe. Da musste ich dann leider wieder umkehren und zurück. In Frankreich habe ich es einmal noch viel weiter weg von der Bühne geschafft, aber da haben wir auch draussen gespielt und es gab keine Wände, die den Empfang gestört haben. Übrigens brauchst du keine Angst haben, ich werde hier nicht einfach verschwinden bevor wir fertig sind.

MusikBlog: Es wundert mich nicht, dass du auch während deiner Shows kleine Ausflüge in die Umgebung unternimmst. Schließlich scheint das gut zu deiner Mission zu passen, auch musikalisch so weit wie möglich zu gehen bis du an eine Art Grenze stößt.

Adam Bainbridge: Da hast du Recht. Das ist gar kein schlechter Vergleich, denn ich versuche auch mit der Musik so weit wie möglich zu gehen und teste gerne meinen möglichen Spielraum aus. Beim Berlin Festival hätte ich nur ein Boot oder etwas in der Art gebraucht. Dann wäre ich sofort rauf auf den Fluss und hätte mich noch weiter treiben lassen. Es würde mich wirklich interessieren, wie weit ich damit gekommen wäre. Bis ich dazu komme, lassen wir aber ruhig deine so schön gewählte Metapher für meine Unternehmungslust stehen.

MusikBlog: Und wie sieht es in dir drinnen aus? Legst du, wenn du ein Album wie „Otherness“ aufnimmst, in seelischer Hinsicht auch so viele Wege zurück und wirst vor allem durch äussere Einflüsse vielleicht auch einmal darin aufgehalten?

Adam Bainbridge: Ja, das tue ich auf jeden Fall. Obwohl ich nicht genau weiss, ob ich mir immer bewusst einen besonderen Weg suche, wenn ich meine Reise antrete. Ich glaube das passiert alles nicht erst, wenn wirklich mit einem neuen Album beginne, sondern auch schon vorher. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es etwas, das ich jeden Tag mache und nicht explizit etwas, das ich nur in Verbindung mit neuen Songs anstrebe. Es ist wichtig auch schon vorab diese Wege für sich zu gehen, um dann überhaupt etwas zu haben, das sich zu so etwas wie einem Album formen lässt. Bei „Otherness“ habe ich generell wenig ganz bewusste Entscheidungen gefällt, sondern wollte die Dinge, wenn möglich, lieber einfach so geschehen lassen. Es ist mir wichtig mich nicht allzu sehr von meinen eigenen Gedanken einsperren zu lassen, wenn ich an etwas arbeite.

Die meisten Ideen werden in einem Zustand beflügelt, der relativ frei und unbeschwert ist. Selbst die Kollaborationen auf „Otherness“ sind so entstanden. Mit jemanden aufzunehmen, heisst für mich, dass man ungefähr drei Tage miteinander abhängt, um dann innerhalb dieser Zeit drei Stunden lang einen Song aufzunehmen. Oftmals liegt viel zu sehr die Aufnahme eines Songs selbst im Fokus und es wird vergessen, dass es auch immer etwas Zeit braucht, um die Ideen reifen zu lassen. Daher ist es für mich besonders schön, wenn man auch die Gelegenheit hat mit seinen Kollegen zusammen an den Songs zu feilen. Ich finde es besser sich wirklich erst darüber im Klaren zu werden, was man möchte und dann kann man im Studio relativ schnell zu einem Ergebnis kommen mit dem man zufrieden ist. Die erste Vision, die man hat, mag vielleicht nicht immer die perfekteste sein, aber sie ist oftmals die interessanteste.

MusikBlog: Sind die jeweiligen Gastmusiker auf „Otherness“ und schließlich die Kollaborationen auch dem Zufall entsprungen oder wusstest du vorher schon genau, wen du dir gerne an deine Seite holen würdest?

Adam Bainbridge: Ich kann definitiv sagen, dass ich mir die Gastmusiker auf dem neuen Album nicht im klassischen Sinne ausgesucht habe. Ich saß nicht da und dachte mir „Mit genau diesen Leuten will ich arbeiten!“. Bei Dev Hynes war es ohnehin unkompliziert und es hat sich abgezeichnet, dass wir was für mein Album machen würden. Wir haben uns einfach unsere jeweiligen Demos vorgespielt und dabei sind uns ganz natürlich Ideen gekommen, was wir gemeinsam auf bestimmten Songs machen könnten. Meistens läuft es ohnehin so, dass man jemanden im richtigen Moment trifft und alles aus diesem Zufall heraus passiert. Du lernst jemanden kennen, hast plötzlich diese Eingebung, dass es funktionieren könnte und wenn derjenige Lust und Zeit hat, probiert man ein paar Dinge zusammen aus. So war das auch dieses Mal bei den Kollaborationen und das hat sehr gut funktioniert, wie ich finde. Für viele Leute klingt es komisch, wenn alles in so einem organischen Prozess passiert, aber mir gefällt diese Art der Zusammenarbeit sehr.

MusikBlog: Wie sicher warst du dir zu Beginn, dass die Zusammenarbeit mit Dev oder auch Robyn funktionieren würde?

Adam Bainbridge: Beide haben sich ungefähr so für mich angefühlt, als würde ich zu einem ersten Date mit jemanden gehen. Wenn man miteinander befreundet ist, heisst das noch lange nicht, dass man auch gut auf musikalischer Ebene miteinander arbeiten kann. Ich hatte schon die üblichen Zweifel und fragte mich, ob wir etwas Gutes zustande bringen würden. Zumal es sein kann, dass man im Studio wieder anders aufeinander reagiert und schließlich miteinander harmoniert. Die vier Tage mit Dev verliefen aber alle sehr unkompliziert und wir hatten schnell das, was wir wollten. Alles passierte ohne jegliche Anstrengung. So haben wir einfach durchgearbeitet bis alles im Kasten war.

Bei Robyn muss ich gestehen, dass ich doch ein wenig nervös war. Ich wollte unbedingt etwas tolles mit ihr zusammen auf die Beine stellen, lähmte mich aber selbst mit diesem Vorhaben. Wir fingen an eine unserer Ideen zu verfolgen, merkten dann aber sehr schnell, dass wir uns gegenseitig unter zu viel Druck setzten. Wir beschlossen also uns zu betrinken, um dann am nächsten Tag mit einem leichten Kater die Arbeit wieder aufzunehmen. Und das funktionierte erstaunlich gut! (lacht)

MusikBlog: Das ist also das Geheimnis hinter allem!

Adam Bainbridge: Für einige Leute ist es das tatsächlich, aber ich muss normalerweise nicht darauf zurückgreifen. Zum Glück.

MusikBlog: Gibt es einen Unterschied hinsichtlich der Zusammenarbeit, wenn du zum Beispiel mit einem Künstler wie Dev Hynes aufnimmst, mit dem du vorher schon an seinem Album gearbeitet hast? Ist es überhaupt wichtig für das Resultat, ob ein Song nun auf deinem oder seinem Album landet?

Adam Bainbridge: Für mich persönlich gibt es keinen Unterschied. Die beiden Songs, die ich zusammen mit ihm für „Otherness“ gemacht habe, hätten in der Form auch auf einem seiner Alben landen können. Wir haben beide jeweils zur Hälfte geschrieben und selbst da sind wir uns nicht in die Quere gekommen. Beinahe hätten wir so einen 90er-Jahre-Trend wiederbelebt und den Song „On The Line“, der auf dem Blood Orange Album „Cupid Deluxe“ ist, auch auf „Otherness“ veröffentlicht. Das war damals gar nicht so unüblich, dass zwei Musiker ein und denselben Song jeweils auf ihren eigenen Alben herausgebracht haben. Wir hatten das sogar schon rechtlich mit unseren Labels geklärt, aber dann war irgendwann klar, dass mein Album erst eineinhalb Jahre später erscheinen würde. Deswegen haben wir die Idee dann wieder verworfen. Eigentlich hatten wir geplant, nicht nur den Song, sondern gleich unsere beiden Alben zum selben Zeitpunkt zu veröffentlichen.

MusikBlog: Haben dir die verschiedenen Kollaborationen auch eine neue Perspektive auf deine befreundeten Musiker eröffnet?

Adam Bainbridge: Ja, ganz bestimmt sogar. Es ist immer etwas besonderes, wenn man nicht nur einfach miteinander Musik macht, sondern darüber hinaus auch noch befreundet ist. Bei „Otherness“ habe ich in Hinblick auf die jeweiligen Kollaborationen einmal mehr eine neue Art der Bewunderung für meine Freunde und ihr Können erfahren. Du weisst zwar schon vorher, dass sie Talent haben und wirklich gut in dem sind, was sie tun, aber es ist dann doch noch einmal etwas anderes mit ihnen im Studio zu sein und allein mit ihnen an einem Song zu arbeiten. Ich bin jedes Mal wieder davon fasziniert, wie schnell sie eine guten Track aus dem Ärmel schütteln können.

Robyn ist so eine Musikerin, die das absolut drauf hat. Ihre Songs sind ohnehin so perfekt ausbalanciert und genau so wie gute Popmusik klingen sollte. Es gibt keine unnützen Wörter in ihren Texten und die Melodien sind ebenfalls sehr stark. Das merkt man sofort, wenn man mit ihr im Studio ist. In fünf Minuten hat sie schon alles zusammen, was man braucht. Sie braucht kein Team von Songwritern, das sich jahrelang zusammensetzt. Stattdessen kommt sie in den Raum spaziert, denkt kurz nach und lässt dann eine Melodie aus sich heraus, die man sofort festhalten muss. Ich finde es nach wie vor schön, wenn man selbst als Musiker noch so eine Bewunderung für seine Kollegen empfinden kann.

MusikBlog: Würdest du dir manchmal auch wünschen, dass du ebenso schnell einen Song schreiben könntest?

Adam Bainbridge: Ich wünsche mir das manchmal wirklich. Es ist schon vorgekommen, dass ich eine Idee hatte, die sich ganz schnell umsetzen ließ und damit ein ganzer Song wie aus dem Nichts heraus entstanden ist, aber meine Art von Musik gibt das meistens nicht unbedingt her. Aus dem Grund heraus, dass ich meine Musik eher in den Kontext einer Art „Stimmung“ einordne und weniger in den eines perfekt ausbalancierten Pop-Songs. Ansonsten wäre meine Musik wohl auch viel direkter und zugänglicher. Ich glaube meine Songs brauchen etwas Zeit bis sie das offenbaren, was in ihnen steckt. Wenn man sie das erste Mal hört, fallen sie wohl nicht großartig ins Gewicht oder klingen ein bisschen zu chaotisch, aber nach ein paar Durchläufen versteht man hoffentlich den Sinn dahinter. Ein guter Pop-Song, hingegen, sollte viel verständlicher sein als das, was ich mache.

MusikBlog: Machst du dir Gedanken darüber, dass deine Songs vielleicht nicht vier oder fünf Mal angehört werden und damit Menschen auch die Gelegenheit verpassen deinen Songs auf Augenhöhe zu begegnen?

Adam Bainbridge: Ich mache mir nicht wirklich Gedanken darüber oder sorge mich um diese Tatsache, denn ansonsten würde ich anfangen ganz simple Songs zu schreiben, die man sofort begreift und nur ein einziges Mal hören muss, um deren Sinn zu verstehen. Ich hoffe aber sehr, dass es da draussen noch Leute gibt, die sich aufmerksam eine Platte anhören. Im Grunde genommen habe ich lieber eine musikalische Beziehung zu Menschen, die meine Musik so wahrnehmen, als zu solchen, die Musik generell nur oberflächlich konsumieren und dem wahren Kern nicht viel Aufmerksamkeit schenken. Als Teenager habe ich es geliebt in den Plattenladen zu gehen und mir Alben zu kaufen. Damals konnte man teilweise nicht einmal vorher reinhören und es gab sowieso keine Streaming-Dienste wie heute. Dadurch hat man sich auch anders mit der Musik auseinandergesetzt, wenn man sie gekauft hat.

Heute hört man online schnell rein und bekommt die Hälfte nicht mit. Damals musste man einem Album erst einmal sehr viel Aufmerksamkeit schenken bevor man es dann unter Umständen wieder umtauschen ging. Beim Soundtrack zu „Dancer In The Dark“ hatte ich so meine persönlichen Probleme einen richtigen Zugang zu den Songs zu finden. Die Musik ist teilweise so angespannt und fast schon verkrampft, was natürlich Björks Rolle im Film widerspiegelt, aber hätte ich mich nicht trotzdem intensiv damit auseinander gesetzt, dann würde ich das heute wohl immer noch leicht negativ sehen. Dabei ist es ein ganz wunderbares Album.

MusikBlog: Stellst du dich selbst mehr oder weniger infrage, wenn du mit anderen Musikern zusammenarbeitest?

Adam Bainbridge: Ich würde sagen, ich stelle mich weniger infrage, wenn ich jemanden habe mit dem ich zusammen an etwas arbeite. Man teilt sich automatisch die Verantwortung und somit fallen die Last und auch die Zweifel von einem selbst ab. Wenn ich zum Beispiel mit jemanden wie Robyn arbeite, dann brauche ich mir beim besten Willen keine Sorgen um die Melodie machen, denn ich weiss, dass sie das wahnsinnig gut beherrscht. Sie schreibt Weltklasse-Melodien! Wenn ich alleine Songs schreibe, dann grübel ich viel mehr über alles nach.

MusikBlog: War diese Aufgabenteilung zwischen Robyn und dir von Anfang an klar? Sie ist für die Melodie zuständig und du behälst den Überblick über den Rest?

Adam Bainbridge: Nein, wir haben vorher nicht darüber gesprochen, was genau wir machen und wer für was zuständig ist. Am Anfang habe ich ihr nur sehr vage Songideen vorgespielt. Das war manchmal nicht mehr als ein Schlagzeug-Loop und ich habe dann einfach abgewartet, ob ihr das irgendetwas sagt und sie sich musikalisch davon inspiriert fühlt. Davon ausgehend, fängt man dann an über konkrete Akkorde und eine Struktur zu sprechen. Alles basierte also darauf, dass ich ihr meine Ideen vorspielte und sie anfing etwas darüber zu singen. Dabei kam dann schließlich der Song „Who Do You Love“ heraus, der auf dem Album zu finden ist. Bei „Otherness“ war es oftmals der Fall, dass meine angestrebte Art das Album zu produzieren nicht unbedingt das war, was die Gastmusiker normalerweise gewohnt sind.

Es hat Spaß gemacht sie aus ihrem bekannten Umfeld heraus und ein wenig in mein eigenes hinein zu locken. Dabei entstand eine ganz neue Spannung und Dynamik, die den gesamten Prozess belebt hat. Einfach, weil die Sänger anders auf die Musik reagieren mussten. Mein Job war es dieses Mal nicht so sehr das Gerüst der Songs zu schreiben, sondern die Musiker in ein Territorium zu schubsen, das etwas Neues für sie beinhaltete. Es kann dir als Künstler nichts besseres passieren, als aus deiner Wohlfühlzone gedrängt zu werden und das war bei uns allen so. Genau diese Vorgänge machen es so spannend, wenn man zusammen Musik macht.

MusikBlog: Wie sieht deine Wohlfühlzone aus und inwiefern hast du sie auf „Otherness“ verlassen?

Adam Bainbridge: Meine Wohlfühlzone als Musiker ist im Allgemeinen recht groß. Als Sänger verlasse ich sie dagegen schon, wenn ich die Lead-Vocals auf einem Song übernehme. Ich bin kein Sänger, sondern vielmehr ein Produzent, der zufällig auch singt. Selbst bei Auftritten verlasse ich gewissermaßen schon meine Wohlfühlzone und fühle mich herausgefordert. Ich hoffe allerdings, dass man mir das nicht allzu sehr anmerkt und es für das Publikum spannender ist, als jemanden vor sich zu haben, der perfekt alles abspult, was er gelernt oder einstudiert hat. Ich habe keinen Plan, wenn ich auf die Bühne gehe. Das Album-Cover drückt ganz gut aus, was ich mit „Otherness“ sagen wollte.

Es ist eine Nahaufnahme von mir, bei der man sich während des Betrachtens schon ein wenig unwohl fühlen kann, weil sie so sehr mein Gesicht vorführt. Aber ich dachte mir, wenn man das Cover schon nicht mögen sollte, dann findet man sehr wahrscheinlich die Musik darauf ebenfalls nicht sehr gut. Ich bin aber nun einmal, wer ich bin und habe keine Lust darauf mich in irgendeiner Form zu verstecken. Falls also jemand im Plattenladen an dem Album vorbei läuft und sich nur aufgrund des Covers dafür entscheidet nicht reinzuhören, dann ist diese Person vermutlich auch zu engstirnig, um sich überhaupt der Musik darauf zu nähern. Es kann aber gut sein, dass es einige Leute gibt, die auch diesen Ansatz verfolgen, selbst wenn sie die Songs mögen würden.

MusikBlog: Was denkst du denn selbst, wenn du diese Nahaufnahme von dir auf dem Cover siehst?

Adam Bainbridge: Ich mag es ganz gerne. Gerade deswegen, weil es dieses Gefühl von Missbehagen in mir auslöst (lacht). Es ist so einfach heutzutage ein perfektes Foto zu erschaffen. Ich hatte auch schon vier oder fünf Foto-Shootings, bei denen die Bilder hinterher so manipuliert wurden, dass man damit einfach bessere Albumverkäufe erzielen konnte. Daher bin ich froh, dass wir für „Otherness“ nicht so ein zurecht gestutztes Bild verwendet haben. Ausserdem hätte das beinahe einen zynischen Charakter gehabt so etwas zu tun. Andere mögen das vielleicht als Sabotage an mir selbst bezeichnen, aber ich sehe das nicht so kritisch.

MusikBlog: Was genau ist dieses Gefühl von Andersartigkeit für dich?

Adam Bainbridge: Das Wort selbst hat für mich eine starke, persönliche Signifikanz, aber ich möchte gar nicht so sehr umreissen, was es für mich bedeutet, sondern lieber zum Ausdruck bringen, wie sehr mir die Ambiguität des Wortes gefällt. Ich weiss sehr genau, was das Wort in mir auslöst. Daher finde ich Gefallen daran herauszufinden, was dieser Begriff in anderen Personen weckt. Jeder kann etwas ganz anderes damit verbinden. Die Gesellschaft hat ebenfalls ihre eigenen Vorstellungen, was Andersartigkeit betrifft. Du musst aber natürlich mit dir selbst ausmachen, ob du damit überein stimmst oder dich wohl damit fühlst.

MusikBlog: Für die Gesellschaft ist Andersartigkeit selten etwas, das akzeptiert wird. Oftmals wird es sofort mit negativen Assoziationen versehen.

Adam Bainbridge: Ja, das gilt vor allem für die Mainstream-Gesellschaft oder eine, die sehr konservativ ist. Ich bin sehr weit weg von beiden, daher ist der Begriff für mich nur in einem positiven Kontext denkbar. Auch für den Titel gilt meine Ansicht von vorhin, dass man die Musik auf dem Album womöglich nicht wertschätzen kann, wenn man sich schon vom Titel allein abgeschreckt fühlt.

MusikBlog: Auf die Musik bezogen, wie vermeidest du das Gewöhnliche zugunsten der Andersartigkeit in deinen Songs?

Adam Bainbridge: Wenn mir etwas zu offensichtlich erscheint, mache ich es nicht! (lacht) Das ist das Zeichen für mich, dass ich sofort damit aufhören muss.

MusikBlog: Ist es für dich als Musiker wichtiger zu wissen, wo du dich gerade musikalisch befindest oder wo es dich mit Blick auf die Zukunft hinzieht?

Adam Bainbridge: Da ich für mich nie genau sagen kann, wo es mich musikalisch hinziehen wird, konzentriere ich mich lieber auf das Jetzt und versuche den Moment bestmöglich zu nutzen. Ich verwende zwar viele Klänge, die man musikhistorisch gesehen mit der Vergangenheit in Verbindung bringen kann, aber das tue ich nur, um im Jetzt zu existieren. Ich habe gerade ein Interview mit Caribou gelesen, in dem er von sich sagt, dass er stolz darauf ist, mit dem neuen Album so modern und nach 2014 zu klingen. Selbst, wenn die neuen Songs in zehn Jahren als veraltet wahrgenommen werden sollten, würde er sich dafür vergeben. Ich bin das genaue Gegenteil davon und sehe das nicht so. Wenn ich in zehn Jahren „Otherness“ höre und alles verstaubt klingt, dann hätte ich das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben. Ich glaube schon, dass es in der Musik Dinge gibt, die zeitlos sein können und ich hoffe, dass auch mein Album etwas hergibt, was das angeht. Mich interessiert dieser Aspekt sehr. Lasst andere Leute moderne Musik machen, denn sie können das besser als ich.

MusikBlog: Was glaubst du, können andere Musiker insbesondere besser als du?

Adam Bainbridge: Ich liebe das Chaos. Das ist eine Tatsache, die mich immer wieder antreibt und beim Songwriting beflügelt, aber andere Menschen sicherlich auch verstört, da meine Songs sich eher selten auf einen bestimmten Groove einlassen und damit den Hörer nicht unbedingt entgegenkommen. Ich mag es allerdings beim Hören von Musik herausgefordert und überrascht zu werden. Deswegen mochte ich Künstler wie Kate Bush auch schon immer sehr gerne. Sie hat nie Platten aufgenommen, zu denen man einen leichten Zugang hatte. Es gab immer ein Element darin, das Verwirrung stiftete. Ich mag es, wenn Musiker sich nicht davon beirren lassen, dass ein Song vielleicht nicht so sehr in die Pop-Standards hineinpasst.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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