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Psychedelischer Drei Akkord Liedermacher – Eric Pfeil im Interview

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I. The Story behind:

Mit den Stars auf Du und Du. In den gefühlten ca. 183 Jahren, die ich jetzt schon Musiker interviewe, ist es mir seltsamerweise noch nie passiert, dass ich auch mal jemanden vor mir hatte, den ich auch persönlich kannte. Aber natürlich hatte der große waltende Interviewplaner im Himmel auch hier noch die Erstes Mal-Karte im Ärmel. Auf ihr stand: Eric Pfeil. Es ist jetzt zwar auch nicht so, dass wir uns in den letzten Jahren oft gesehen hätten, aber immerhin teilten wir uns vor einigen Ewigkeiten lange Zeit gemeinsam das harte Brot in der VIVA-Kantine. Na ja, nicht ganz. Aber fast. Jedenfalls blieben persönliche Kontakte damals nicht aus. Und wenn man sich lange nicht gesehen hat, gibt’s natürlich auch viel zu erzählen. Sprich, aus dem stringent geplanten Interview wurde eine nette zweistündige Dampfplauderei, die gerne mal in so spannende Gebiete wie Psychedelic Bands aus den Achtzigern, alte Italo-Western, Kreativität als Quell ewiger Jugendlichkeit, obskure französische Musiker und nicht vorhandene Bausparverträge abdriftete. Und würde man dies alles in geschriebener Form bringen, hätte das wohl den Umfang des Telefonbuchs von Neuruppin. Das Runterkürzen brachte mich schon relativ ins Schwitzen. Dies alles nur vorausgeschickt, um zu sagen „Es hat durchaus seine Tücken, jemanden zu interviewen, den man auch persönlich kennt“.

II. Kurzvorstellung von Eric Pfeil für (fast) alle anderen Menschen:

Im Lauf seiner 45 Jahre hansdampfte Eric Pfeil schon in vielen Gassen: Schlagzeuger einer Band mit dem klangvollen Namen „Kinder reicher Eltern“, für die Sendung „Fast Forward“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter TV-Producer bei VIVA/VIVA ZWEI, renommierter Musikjournalist für diverse große Blätter (Rocco Clein Preis 2014), Fernsehautor, Buchautor, Vater einer Tochter und … Liedermacher. Darüber hinaus noch absolute Koryphäe in den Bereichen Italo-Western, psychedelische Musik aus allen Epochen und französische und italienische Musik der Sechziger und Siebziger Jahre.

2013 veröffentlichte er sein erstes Album „Ich hab mir noch nie viel aus dem Tag gemacht“, das durch seine charmant melancholische Leichtigkeit und seine eigenwillig skurrilen Texte direkt eine eigene Marke setzte. Mit „Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluss“ erschien jetzt sein zweites Album, das ihn -hm, ja- reifer und ein paar Nuancen düsterer und ernster zeigt. Aber für weitere Einzelheiten zum Album, möge man hier im MusikBlog zur Rezension des Albums umschalten.

III. And now: Le interview. Als Themen mit an Bord: Das Album, Die Texte, Pop gemacht habende Italiener und Franzosen, drei Akkorde, Fliegenpilze und LSD.

MusikBlog: Dein erstes Album „Ich hab mir noch nie viel aus dem Tag gemacht“ fiel dadurch auf, dass es für deutsche Verhältnisse Melancholie und Leichtigkeit unter einen recht sonnigen Hut gebracht hat. Auf „Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluss“ mischt sich jetzt eine deutlichere Spur verspielter Ernst dazu. Wie kommt’s?

Eric Pfeil: Das kommt ganz konkret dadurch, dass mein Bruder gestorben ist und Tod in den letzten anderthalb Jahren ein Riesenthema war. Denn wie es so ist, bei einem Verlust bleibt es dann nicht. Es kamen noch ein paar andere Fälle aus meinem unmittelbaren Umfeld dazu. Es war einfach so: Tod und noch mehr Sterben. Das erste Stück, das mir zu dem Thema gekommen ist, war „Himmelwärts“. Und das schloss sich dann unterbewusst so in alle Songs ein, die ich danach geschrieben habe. Irgendwann guckte ich mir die Stücke an und stellte fest, dass dieses Thema fast immer vorhanden war. Also, es gab schon einen konkreten Anlass.

MusikBlog: Wie Du diese Erfahrungen in Songs umsetzt, hat aber definitiv nichts Erschlagendes. Die Leichtigkeit deiner Texte ist jedenfalls nicht verloren gegangen. Und Dein lakonischer Humor ist auch immer noch vollkommen intakt.

Eric Pfeil: Der Humor ist ja auch wichtig und eigentlich auch omnipräsent. Ich meine jetzt nicht so eine plakative Lustigkeit. Wenn zum Beispiel Olli Schulz sagt „Jetzt mach‘ ich ein ganz ernstes Album“, dann muss er das extra sagen. Für mich ist es selbstverständlich, dass ein Album ernst und gleichzeitig auch komisch sein kann. So wie es ja auch bei Rocko Schamoni der Fall ist. Der hat sich auch immer gewundert, dass alle das lustig fanden, obwohl es ihm eigentlich todernst war. Ich find‘ ja auch Bob Dylan, den ich absolut verehre, sehr komisch. Oder Leonard Cohen.

MusikBlog: Wieviel autobiographischer Pfeil steckt eigentlich sonst noch in den Songs?

Eric Pfeil: Autobiographisch sind die Stücke eigentlich alle. Meine Freundin hat mich immer wieder gefragt „Worum geht es in dem Song?“. Aber bloß weil ich das Stück geschrieben hab‘, muss das jetzt auch nicht unbedingt bedeuten, dass ich auch weiß, worum es darin geht.

MusikBlog: Bleibt ja dann auch für einen selber interessanter. Auffallend an Deinen Texten ist, dass es oft surreal-phantastische Geschichten sind, die mehr über Assoziationen laufen als über eine gerade Handlung oder Zustandsbeschreibung. In Deutschland auch eher eine Seltenheit, so zu texten.

Eric Pfeil: Was mir in Deutschland mittlerweile zu inflationär geworden ist, ist diese poetische Alltagsbeobachtung. Es gibt einige, die das ganz toll gemacht haben. Funny van Dannen hat das zum Beispiel super gemacht. Das macht er schon meisterlich, so dass man sich denkt „Wie der das Kleine groß macht, das ist schon eine Kunst“. Aber ich muss jetzt nicht noch mehr solche Lieder haben, die sich lustig an Alltagsphänomenen abarbeiten. Es gibt natürlich auch noch ein paar andere, die das gut können. Aber mir ist das schon zu sehr verbreitet. Ich hab’s lieber, wenn’s ein bisschen surreal wird und man den Inhalt gar nicht richtig erklären kann.

MusikBlog: Viele Deiner Texte haben auch etwas Filmisches. So seltsam skurrile Kurzfilme, die über drei Minuten ein Kino im Kopf erzeugen.

Eric Pfeil: Ich versuche eigentlich schon, so etwas zu erschaffen. Ein paar Stücke funktionieren ja auch wie Filme. Hoffe ich zumindest. Dass man beim Hören des Stücks eigentlich einen Film vor sich sieht, der sich aber nicht komplett erklärt. So dass man am Ende denkt „Was? Abspann? Aber findet er jetzt das Mädchen?“.

MusikBlog: Wo wir gerade beim Thema Film sind. Ich weiß, dass Du ein absoluter Kenner und großer Liebhaber von Italo-Western aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern bist. Ich bilde mir auch ein, dass man das in manchen deiner Songs raushören kann. Beeinflussen Dich solche Filme wirklich konkret beim Songschreiben?

Eric Pfeil: Ja. Ganz extrem sogar. Und das gilt sowohl für die Musik als auch für die Texte. Und wir reden hier von einer wirklichen Besessenheit. Oder Leidenschaft. Wenn Du jeden Abend – und ich meine wirklich jeden Abend, meine Freundin hasst mich dafür – mit dem Laptop im Bett liegst und einen Italo-Western guckst, dann bist Du irgendwann so drin in dieser Logik und diesen Assoziationen. Das ist so fiebrig. Das ist so surreal. Das ist so bescheuert. Aber es ist absolut faszinierend, weil alles so überstrahlt ist. So hochgeschraubt. Und Gottseidank gibt es zig Hunderte davon, so dass ich das bis an meinen Lebensabend machen kann. Man muss nur einen Moll-Akkord auf der Gitarre anschlagen und schon hat man einen halben Italo-Western im Kopf. Klar, das hat Ennio Morricone natürlich bis in die höchsten Regionen geschraubt. Aber man kann das ja runterbrechen auf so eine ganz einfache Nummer.

MusikBlog: Was gibt es bei Deiner Art zu texten sonst noch so an Einflüssen?

Eric Pfeil: Für mich waren englische und amerikanische Texte immer wichtiger als deutsche. Allerdings kann man diese Art zu schreiben gar nicht so übertragen. Also muss man sich selbst etwas ausdenken. Und was ich auch schon immer mochte, war die Eindeutschung von Chansons und Schlagern aus anderen Ländern in den späten Sechziger Jahren. Also die Leute, die z.B. für Gilbert Bécaud oder Charles Aznavour die Texte aus der Originalsprache ins Deutsche übertragen haben. Im Regelfall war es so, dass diese Künstler diese Texte dann gesungen haben und kein Wort von dem verstanden haben, was sie da sangen. Diese Texte finde ich toll. Da ist so eine seltsame Poesie drin. So was hat man sich später nicht mehr getraut.

Oder wenn man sich anhört wie Adriano Celentano in den späten Sechzigern sozialkritische Texte geschrieben hat. Er hat das mit einer absoluten Naivität getan, die hier in Deutschland niemand aufgebracht hätte. Das war nicht Udo Jürgens mit „Ein Ehrenwertes Haus“ oder etwas ähnlich Verquastes in Richtung „Lass mal ein bisschen Sozialkritik machen“. Im Vergleich dazu ist die Naivität der Celentano-Texte verrätselt, poetisch und seltsam. So etwas gab es hier nie so richtig. Und meine Texte sind eben auch der Versuch, das ein bisschen aufzugreifen, ohne dass man es so direkt bemerken würde.

MusikBlog: Du warst übrigens der erste Mensch, der mir über den Weg gelaufen ist, der sich mit ganzem Herzen zu Adriano Celentano bekannte. Da ich nur ein zwei, drei Hits von ihm kannte, lief er damals bei mir noch unter Schlager. Dank Dir ist das natürlich inzwischen anders. Aber ich kann mir vorstellen, dass Deine Verehrung für französische und italienische Musiker aus dieser Zeit auch seine Spuren in Deinem Songwriting hinterlassen hat.

Eric Pfeil: Bei meiner ersten Platte haben mir immer wieder Leute gesagt „Da ist was Schlagerhaftes drin“. Dann hab‘ ich immer versucht, ihnen das auszureden. Bis ich irgendwann gemerkt habe, das ich den Begriff Schlager für mich ganz anders definiere. Wenn ich mich auf so etwas Leichtes beziehe, dann geht es mir nicht um Männer mit Fönfrisuren und gelben Sakkos, sondern um das, was in den Sechzigern und Anfang der Siebziger in Frankreich und Italien so zwischen dem Chanson-Ding und dem, was man hier Schlager nennt, passiert ist.

Das funktioniert zwar selten richtig gut. Aber wenn, dann denkt man sich „Das ist catchy. Das ist weltmännisch und das ist geerdet. Und gleichzeitig ist es auch irgendwie seltsam“. Alles zur gleichen Zeit. Das gibt es nicht sehr oft. Eine Lieblingsreferenz von mir in diesem Bereich ist Jean-Claude Pascal „Manchmal“ – ein ganz schwer zu bekommendes Stück. Das ist so ein Drei-Akkord-Chanson-Ding mit einem ganz seltsamen Text. Das ist eins der deprimierendsten und schönsten Drei-Akkordstücke, die ich kenne. Und gesungen wird das dann auch noch mit diesem lässigen „Ich nehm‘ die Zigarette nicht aus dem Mund“-Gestus.

MusikBlog: Apropos drei Akkorde. Deine Selbstbezeichnung in Sachen eigene Musik lautet „Troubadour und Drei-Akkord-Liedermacher“. Warum Liedermacher? Ist ja inzwischen ein fast schon antiker Begriff aus den Siebzigern, der zeitweise nicht immer nur zu guten Assoziationen führte.

Eric Pfeil: Ich benutze ganz bewusst diesen Claim mit dem Drei-Akkord-Liedermacher, weil ich kein Singer/Songwriter sein will. Der Begriff Singer/Songwriter ist für mich aufgeladen mit „Ich sitz‘ auf meinem Bett und singe Tagebuchtexte mit Kopfstimme. Und habe außerdem einen langen Bart“. Deswegen sage ich ganz bewusst Liedermacher. Das sind für mich knarzige, urwüchsige Typen. Und Drei-Akkord, um ganz klar zu sagen, dass es irgendwie auch ein Punkding ist, weil ich diesen DIY-Ansatz – Jeder kann Musik machen- aus den Songs, die ich schreibe nicht rausbekomme.

MusikBlog: DIY beinhaltet natürlich immer Einfachheit. Ohne sieben Jahre Musik studiert zu haben, legt man einfach los und zieht seine Stärke daraus, dass man sich auf die Fähigkeiten limitiert, die man hat. Eigentlich ein Ur-Rock ‚n‘ Roll-Ding aus dem viele große Musiker wichtige, weil eigene Impulse gesetzt haben. Wer hat Dich da besonders beeindruckt?

Eric Pfeil: Ich bin mein ganzes Leben durch Musiker geprägt worden, die aus einer Limitierung viel gemacht haben. Dylan ist ja das beste Beispiel dafür. Mit der Stimme. Aber er ist auch ein besserer Gitarrist, als man denkt. Das ist ja teilweise ganz seltsam, was er da so macht. Aber klar, er ist ein Wahnsinnstexter. Und er ist ein Super-Anführer. Der Typ stellt sich einfach hin. Macht mit seinen Möglichkeiten etwas und jeder reagiert darauf. Das finde ich interessant. Oder Jonathan Richman, der mit dieser nasalen Stimme gesegnet ist. Aber was meine Einflüsse angeht, lebe ich im Endeffekt auf einer Basis, einer Diät von Italo-Western, Bob Dylan, Jonathan Richman und Robyn Hitchcock. Und da kommen dann noch ein paar Chanson-Typen dazu. Und das war’s im Grunde.

MusikBlog: Bei Deinen Live-Auftritten geht es inzwischen auch sehr reduziert zu. Nur Du, deine Stimme und deine Gitarre. Dazu gibt’s gegebenenfalls noch ein paar Texte aus deinem Pop-Tagebuch und fertig ist ein unterhaltsamer Eric Pfeil-Abend.

Eric Pfeil: Ich hab‘ früher auch immer gedacht, dass da noch andere Reize dazu kommen müssen. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich so etwas ja eigentlich auch mag. Ich mag es, wenn da ein Typ mit einer Gitarre auf der Bühne steht und genau das macht, was ich mache. Und wenn ich so etwas selber mag, dann ist es ja eigentlich auch richtig für mich. Wobei ich das jetzt sogar noch etwas weiter runterrüste. Die Gitarre, mit der ich auftrete, ist so eine ganz kleine portugiesische Nylonsaitengitarre. Jonathan Richman ist gegen mich schon REO Speedwagon. Die ist schon sehr klein. Das tut der Sache aber auch ganz gut. An einem guten Abend hat das schon etwas von einem komischen Troubadour, der aus dem Gebüsch gesprungen kommt.

MusikBlog: Wir haben ja beide ein Faible für vergessene oder in ihrer Zeit verkannte Musiker. Wenn Dir jetzt der Rock ‚n‘ Roll-Teufel erscheinen würde und Dir die Wahl geben würde zwischen direktem Erfolg mit dem Album oder in fünfzehn Jahren als verkannter Kultsongwriter entdeckt zu werden, was würdest Du wählen?

Eric Pfeil: Ich würde die zweite Variante umarmen wollen, weil ich das ganz reizvoll finden würde. Man kennt ja diese Faszination von Typen, die zu ihrer Zeit nichts auf die Kette bekommen haben und die dann später entdeckt wurden. Und so wird es bei mir ja auch sein (lacht). Wenn ich Glück habe und in 15 Jahren immer noch Musik existiert und für die Menschheit noch eine Rolle spielt, hätte ich vielleicht eine Nano-Chance, dass das der Fall sein könnte. Ich glaube, dass diese Chance jedenfalls größer ist, als darauf zu hoffen, dass zum Beispiel eine Eismarke auf einen meiner Songs aufmerksam wird, ihn für einen Werbespot haben will und ich dann doch unerwartet Erfolg habe. Es ist halt Indie-Rock im Jahr 2015. Und zwar so sehr Indie-Rock, wie er nur sein kann.

MusikBlog: Ein bisschen Mythos um Deine Person würde da natürlich auch ganz hilfreich sein.

Eric Pfeil: Klar, das setzt dann leider voraus, dass ich in nächster Zeit sehr viel LSD nehmen muss. Irre werde. Zu meiner Mutter ziehe. Da unter einem Fliegenpilz wohne und dann so unscharfe Fotos von mir im Internet auftauchen, auf denen ich mit Plastiktüten und im Unterhemd die Straße langgehe. Und dann werden die Leute sagen „Tragisch. Der hat mal so tolle Songs geschrieben“. Dann kommen noch Luxus-Editionen von meinen Alben raus. Ich geb‘ noch drei Interviews. Und kurz darauf sterb‘ ich an einem Hustenanfall. Und das war’s.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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