Agnes Obel – Citizen Of Glass

Mit verträumtem Gesang und sanften Klavier- und Gitarrenklängen schaffte es Agnes Obel 2009 bis ins Vorabendprogramm: Ihr Song „Just So“ vom Album „Philharmonics“ unterlegte eine Werbung der Telekom und erfüllte ungefähr jedes Klischee, das man sich über Telefonanbieter-Jingles so ausdenken kann.

Im neuen Album der Dänin erkennt man zwar problemlos die gleiche Handschrift wieder. Zur Werbemusik taugt „Citizen Of Glass“ aber nicht. Als Hintergrundbeschallung sind die neuen Stücke zum einen zu wenig direkt und zum anderen viel zu schade.

Agnes Obel verbindet intimen Kammerpop mit düsterem Folk und schafft damit Songs von bemerkenswerter Eleganz mit einer geradezu herbstlichen Melancholie. Die war so ähnlich auch in „Just So“ zu finden, kommt hier aber noch einmal ein ganzes Stück schlafwandlerischer und kunstfertiger daher.

Als eindrücklichstes Beispiel für die Songwriting-Expertise, die „Citizen Of Glass“ durchzieht, kann „Familiar“ gelten: Klavier, Gitarre, Kontrabass, sehnsüchtige Streicher und mehrstimmige Gesänge schichtet Agnes Obel hier zu einem pulsierenden Klanggebilde auf, das ständig zwischen Konsonanz und Dissonanz schwankt und aus dem sich immer wieder ein Refrain zum Niederknien herausschält.

Das Konzept des „gläsernen Bürgers“, der dem Album auch seinen Titel gibt, zieht sich Agnes Obel zufolge in vielerlei Hinsicht durch „Citizen Of Glass“:

„Heutzutage scheint es die Erwartung zu geben, dass sich jeder komplett duchleuchten lassen und sein Innerstes offenlegen muss“, so die Singer-Songwriterin. „Ich habe dieses Konzept zum Anlass genommen, das Thema ‘Glas’ in den Songs in verschiedener Weise zu verarbeiten – in den Lyrics wie in der Instrumentierung.“

Was sie damit meint, ist vor allem im minimalistischen „Stone“ deutlich zu hören: Hier trägt allein eine plätschernde Akustikgitarre ihre emotionale Stimme, die regelmäßig in fragile Höhen vorstößt und im Verbund mit gehauchten Hintergrundgesängen eine gläserne Zerbrechlichkeit ausstrahlt. Der Titeltrack „Citizen Of Glass“ scheint sogar komplett aus Glas zu bestehen:

Von den seltsam schwebenden Klavierklängen über die verzierungsreichen Vokalisen bis zum Streichercrescendo am Schluss ist hier alles von einer zerbrechlichen Spannung, die jeden Moment zu zerplatzen droht.

Das tut sie natürlich nicht. Agnes Obel rettet die Stimmung spielerisch hinüber in das an Kate Bush erinnernde „Golden Green“ und von dort bis zum Schluss des Albums.

Die Klavierballade „Mary“ am Ende der Tracklist entfaltet über fast sechs Minuten eine geradezu meditative Wirkung und löst sich schließlich in einer Wolke aus Hall und gläsernen Klängen auf. Was bleibt, ist Stille – und das Wissen darüber, gerade in den Genuss eines ganz besonderen Albums gekommen zu sein.

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