Nachdem Peter Doherty beim diesjährigen Reeperbahn Festival seinen Auftritt im Bahnhof St. Pauli platzen ließ, weil es ihm unmöglich war, einen der drei (!) für ihn gebuchten Flüge zu erreichen, gab es leise Zweifel, ob die angekündigte zweite Solo-Platte tatsächlich noch in diesem Jahr erscheint.

Aber sie kommt, sieben Jahre nach „Grace/Wastelands“, erscheint der eng mit der Hansestadt verknüpfte Nachfolger, welcher ohne Support von Produzent Johann Scheerer dem Clouds Hill Label wahrscheinlich nicht so gelungen wäre, wie er vorliegt.

Die Geschichte von „Hamburg Demonstrations“ verlief chronologisch etwa so: Nach dem Auftritt mit seinen Libertines in Hamburg Anfang 2014 trat ein Protagonist der „Herr Von Eden“ Mode-Linie auf Doherty zu, um ihn für die Marke als Model zu gewinnen.

Der Musiker hatte Zeit und zog mit ihm durch Nacht und Kiez, bekam von einem Produzenten berichtet, der ein Studio mit Einlieger Wohnung besitzt. Zu diesen Zeitpunkt ohne festen Wohnsitz zog Doherty – von der Atmosphäre dieses Ortes angetan – ein und beschäftigte sich dort mehrere Monate mit altem und neuen (musikalischen) Stoff.

Dann ging es raus aus Hamburg, Tour mit den alten Kollegen, Entzug in Asien, ein Band-Album und eine weitere Tour. 2016 die Rückkehr in die Stadt.

Clouds Hill Recordings hatte sich indes dem auf einem Acht-Spur-Gerät hinterlegten Rohmaterial angenommen, sehr zur Freude des Urhebers war die Platte doch beinahe komplett.

Der Blick auf die Trackliste bietet zunächst wenig Überraschendes, waren die meisten der Stücke doch bereits irgendwann, irgendwo zu hören. „Birdcage“, auf dem Gesangspartnerin Suzie Martin so wunderbar kratzig klingt wie Cerys Matthews von Catatonia, war bereits Soundtrackbeitrag.

„She Is Far“ ist dem Frühwerk der Libertines zuzuordnen, „The Whole World Is Our Playground“ gab es bereits als Single, auch das intime Amy Winehouse Tribut „Flags From The Old Regime“ (vormals „Flags Of The Old Regime“) ist bekannt, wenn auch in einer aufgeblaseneren Version als der jetzigen.

Auch drumherum viel Vertrautes. Die charmante Jungenhaftigkeit, die den Briten jenseits skandalumwitterter Schlagzeilen umgibt, die Aura des talentierten Songschreibers mit dem Charisma in jener Stimme, die leise Töne genauso beherrscht wie die rebellischen.

Leseratte Doherty bezieht sich im leicht schrulligen Opener „Kolly Kibber“ (bei dem BOY im Background zu hören sind) auf Graham Greene, in „A Spy In The House Of Love“ auf Anais Nin.

Differenziertheit ist bei „Oily Boker“ zu Hause, hier rockt „Down For The Outing“, dort gibt es Brit-Pop Momente, bei denen mal „Brit“ mal „Pop“ überwiegt. Finden beide Teile zueinander, wird „I Don`t Love Anyone (But You`re Not Just Anyone)“ prompt zum klasse Song.

Eindringlich klagt Peter Doherty in dem wirklich neuen Stück „Hell To Pay At The Gates Of Heaven“ vor dem Hintergrund der Bataclan-Anschläge (beim dortigen Konzert hielt er kürzlich ein „Fuck Forever Terrorism“-Banner hoch) die Radikalisierung der Gesellschaft an, die Tatsache, dass es Jugendliche gibt, die der Handhabung eines Schnellfeuergewehrs der einer Gitarre den Vorzug geben. Ohnehin liegt der freiheitsliebende Engländer derzeit mit dem Lauf der Welt im Hader.

Ein Album mit beinahe ausschließlich bekannten Stücken wirkt auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich inspiriert. So variabel wie hier präsentiert, sind die Varianten von Bekannten jedoch sehr wohl eine Bereicherung im Doherty Back-Katalog.

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