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The Front Bottoms (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)
The Front Bottoms (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)
The Smith Street Band (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)
The Front Bottoms (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)
The Front Bottoms (Credit Friedrich Kuehne/MusikBlog)

The Front Bottoms – Live im Knust, Hamburg

The Front Bottoms, Die Vorne Untens. Vorne unten tummeln sich an diesem Abend im Knust in Hamburg viele Dinge. Ein Schal landet dort, der – sich um den Hals gebunden und vollgeschwitzt – wieder ins Publikum geworfen wird, ein Sänger hüpft dort in Socken herum auf einem Teppich, der so aussieht, als hätte er ihn aus seinem heimischen Wohnzimmer mitgebracht. Die Explosion eines mit schrecklichen Dingen gefüllten roten Luftballons reiht sich da nur passend ein. Aber von vorn.

Den Abend eröffnen dürfen Brick + Mortar.  Die zwei langhaarigen und energiegeladenen Amerikaner und ihr selbst mitgebrachter Animateur liefern eine Show ab, an der sich einige Headline-Artists ein Beispiel nehmen könnten. Mit einem an die Wand projizierten Video, das man eher als Kunstprojekt denn als Musikvideo bezeichnen kann, begleiten die Amerikaner ihre Musik, die sich nicht einfach einordnen lässt.

Mal klingen synthetische Beats durch, mal das treibende Bass-Spiel des Frontmannes, das entfernt an Royal Blood erinnert. Das große Highlight oder vielmehr die großen Highlights des Auftritts von Brick + Mortar sind aber die Kostüme. Ob als rote Pille verkleidet, mit riesigen aufblasbaren Handschuhen die Menge anheizend oder kleine selbstklebende Puschel auf beiden Brüsten durch exzentrische Tanzbewegungen in Bewegung versetzend, Brick + Mortar verstehen, wie man jedenfalls jedem in Erinnerung bleibt.

Mit einem großen Knall, einem roten Luftballon mit der Aufschrift „Schreckliche Dinge“, der den Song „Terrible Things“ begleitet, endet das kurze Set, das nicht nur auf der Bühne für erste Schweißtropfen sorgt.

Es folgt eine weitere Vorband. Schon in den wenigen ruhigen Minuten der Umbaupause wird klar, dass The Smith Street Band hier in Hamburg mehr als nur ein paar Fans haben. Ein großer Teil des Publikums, das heute geschlechtermäßig sogar relativ ausgeglichen ist, bewegt sich langsam nach vorn und beginnt schon zu jubeln, als Wil Wagner, der Sänger der Band, die Bühne betritt und seine Gitarre höchstpersönlich stimmt.

Die hohe Erwartungshaltung wird direkt bestätigt, sogar übertroffen, als die jungen Australier ihren Song „Death To The Lads“ anstimmen. Die unvergleichbare Energie Wagners scheint jedem zu gefallen, spaltet deshalb die Massen auf und lässt sie wieder zusammenprallen. Die gesamte vordere Hälfte des Knust mutiert zu einem riesigen Moshpit, in dem friedlich und ausgelassen herum gesprungen und mitgesungen wird.

Irgendwo aus der Mitte des verschwimmenden Publikums löst sich ein Schal, der direkt vor den Füßen Wagners landet und für einen Song seinen Hals schmücken darf. Dann merkt wohl auch Wagner, dass ein Schal an diesem Abend etwa genau so gut passt, wie ein mobiles Heizgerät in der Wüste.

Herzzereißend authentisch erzählt der Sänger in „Throw Me In The River“ von einer verlorenen Liebe. Es wäre kein Wunder, wenn sich zwischen die Schweißtropfen, die bei diesem Lied von Wagners Gesicht und den aufmerksam lauschenden Gesichtern im Publikum tropfen, auch die ein oder andere Träne geschlichen hätte.

Die Erholungspause kommt wie gerufen nach diesem auslaugenden Auftritt. Biere werden über Köpfe getragen und erste The Front Bottoms-Songs angestimmt. Als Brian Sella und Konsorten die Bühne betreten, die bereits mit Tambourin, Violine, Trompete und unzähligen Gitarren bestückt ist, gibt es kein Halten mehr. Die Eröffnung könnte mit „You Used To Say (Holy Fuck)“ kaum gelungener sein.

Der Song des neuesten Albums der Band, „Going Grey“, ist nur der Anfang eines Sets, das Titel von allen Projekten der Band vereint. Den Fans scheint das zu gefallen, besonders, als Sella die Menge dazu auffordert, den nächsten Song zu bestimmen. Die unzähligen Songtitel, die jetzt durch die kleine Halle schallen, lassen über Sellas Gesicht ein verschmitztes Lächeln huschen.

Auf einem anderen Kontinent von zahlreichen glücklichen Menschen dazu aufgefordert zu werden, Lieder zu spielen, die es vielleicht nie in die Charts oder die Radiostationen geschafft haben, scheint den zurückhaltenden Sänger glücklich zu machen. Sella fühlt sich zu Hause, und das liegt nicht nur daran, dass er das ganze Konzert in Socken durchspielt.

Das individuelle und 21 Songs starke Set beinhaltet alles, was das Publikum sich wünschen kann. Während zwischen den Songs laute „Taschenlampe“-Ausrufe, als Forderung des Hits „Flashlight“, und hoffnungsvolle Song-Wünsche die Stimmung anheizen, befindet sich während der Titel kaum noch jemand auf dem Boden.

Die ersten Leute werden über die Köpfe hinweg nach vorn getragen und von den Sicherheitsleuten wieder in die Menge geschleust. Das klingt nach einem Punk-Konzert, oder? Tatsächlich, denn obwohl die Front Bottoms mit Tambourin und Trompete eher an rockigere The Lumineers erinnern und auch das schüchterne Auftreten des jungenhaften Frontmannes nicht unbedingt vermuten lässt, er könne Massen dazu motivieren, sich die Seele aus dem Leib zu tanzen, gelingt das ganz schön gut.

Ob bei „Twin Size Mattress“, „Au Revoir (Adios)“ oder „Ocean“, keiner bleibt ruhig stehen. Erst gegen Ende des Abends lässt sich erstmals Erschöpfung in den Gesichtern erkennen, die den ganzen Abend, an die Barrikade gedrückt, Texte mitbrüllen, die von Liebe, Hass und Hoffnung handeln.

Den einzigen Kritikpunkt an diesem Abend könnten Kritiker vermutlich in dem etwas gedämpften Auftreten der restlichen Band sehen. Außer Sella fällt es der Band schwer, aus sich heraus zu kommen. Vielleicht fällt das mit einer Trompete am Mund auch nicht so leicht wie mit einer Gitarre um den Hals, aber die plötzliche Entscheidung Sellas, das Set durchzuwürfeln und lange nicht mehr gespielte Songs wiederzubeleben, scheint nicht bei allen auf der Bühne so gut anzukommen, wie in dem Meer schreiender Menschen vor der Bühne.

Trotzdem gelingt den Front Bottoms der eindrucksvolle Beweis dafür, dass ungezügelte Euphorie keinem Genre vorbehalten ist und die unterschiedlichsten Menschen vereinen kann. Der Punk im Indie lebt und entlässt alle Besucher heute mit gewärmtem Herz in die Kälte Hamburgs. Ganz zum Schluss liegt vorne unten nur noch eine Flasche Bier, ein letztes Relikt eines Abends, den wohl keiner so schnell vergessen wird.

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